Biomemo – Zur Methodik der Produkt- und Designanalyse

 

Produkt- und Designanalyse – die Dinge des Alltags im Leben von Menschen sind im Nutzen für ihn mehr-dimensional und alle Elemente beeinflussen den Beschreibungs- und Bewertungsprozess. Da stellt sich die Frage "Was ist gutes Design?"....

Produkt- und Designanalyse – die Dinge des Alltags im Leben von Menschen sind im Nutzen für ihn mehr-dimensional und alle Elemente beeinflussen den Beschreibungs- und Bewertungsprozess. Da stellt sich die Frage „Was ist gutes Design?“….

Designwissenschaften: Beim Lesen des Handelsblatt-Artikels „Die Entdeckung des Designs“ vom 28. 11.2014 fällt auf, dass für die Beschreibung des Designs eines technischen Produkts noch immer die pauschale Formulierung „ansprechende Formensprache“ gewählt wird. Das macht deutlich, dass es offenbar schwierig ist, eine Form und deren ästhetische Funktionalität in Worte zu fassen. Und dass Optik ein Verkaufsargument ist, wusste auch schon 1951 der Amerikaner Raymond Loewy. Sein Buch „Hässlichkeit verkauft sich schlecht“ erschien zwei Jahre später in Deutschland. Gegen diese Beschreibung des Nutzens ist grundsätzlich ja auch nichts einzuwenden. Dennoch muss es darüber hinaus möglich sein, die genuine Entwurfsleistung des Gestalters und die rezeptive Wirkung auf den Nutzer argumentativ in Begriffssysteme zu stellen. Gezeigt hat das Jochen Gros 1973 mit seiner Arbeit „Erweiterter Funktionalismus und Empirische Ästhetik“, in der er nachwies, dass Gestaltung nicht „sprachlos“ ist. So wurde das Konzept der Produktsprache (auch bekannt als „Offenbacher Ansatz“) entwickelt.

Wo Design drauf steht, ist auch Design drin?!
Der oben erwähnte Handelsblatt-Artikel zeigt, dass der Zusammenhang zwischen Sprache (und damit auch Wertsetzung) und Gestaltung (und damit auch Wertschöpfung) nach wie vor virulent ist. Wie beurteilt man die Form eines Gebrauchsgegenstandes? Und gibt es einen Zusammenhang in der Bewertung des praktischen Nutzens und der Produktästhetik? An welchen Schnittstellen der Physis des Produkts werden positive oder negative Erfahrungen des Nutzers gemacht? Kann Design auch nur schön sein und wie macht man sein Werturteil diskutierbar? Oder sind praktischer und ästhetischer Nutzen so selbstverständlich, dass es keiner besonderen Kommentierung bedarf? Da, wo Design drauf steht, ist doch auch Design drin! Oder etwa nicht? Alles Fragen, deren Beantwortung genauso einfach ist, wie auf dem Sozius eines fahrenden Motorrads Zeitung zu lesen.

Titelseite des 1985 erschienenen Abschlussberichts zum mehrjährigen Forschungsvorhaben „Arbeitssitze“ mit großer Feldstudie

Titelseite des 1985 erschienenen Abschlussberichts zum mehrjährigen Forschungsvorhaben „Arbeitssitze“ mit großer Feldstudie

Entwurf in ein verbalisiertes und visualisiertes Begriffssystem transformieren
Versuche (z.B. durch den Rat für Formgebung) der „Designdiagnose“ wurden aber unternommen. Immerhin sah 1978 das „Zentralorgan“ der Designer/innen – gemeint ist die Form, Zeitschrift für Gestaltung – es als „ein interessantes Gutachten“ an. Die Rede ist vom Exposé „Die ästhetischen Einflüsse des Design auf die Bewertung von Arbeitssitzen“, welches seinerzeit im Rahmen eines Forschungsvorhabens entstanden war und als Einstieg in die Designforschung gesehen werden kann. Der gerade von der Kunsthochschule gekommene 24-jährige Autor (Ulrich Kern) des Gutachtens empfand sich dem Olymp ein Stück näher… Und als dann auch noch eine Fachzeitschrift ein Jahr später die wesentlichen Aussagen veröffentlichte, schien die „Heirat von Bild und Begriff“ in Sichtweite zu sein. War es doch der Versuch, die zur Materie gewordene Genie-Ästhetik des Entwerfers in ein verbalisiertes und visualisiertes Begriffssystem zu transformieren, um Design-Laien die ästhetische Wirkung nachvollziehbar aufzuzeigen. Wissen wir doch heute, dass selbst die rationalen Fakten einer Information erst den emotionalen Filter des menschlichen Bewusstseins durchlaufen. Vielleicht ahnte man damals, dass die Akzeptanz einer orthopädischen Qualität (bei Bürostühlen) durch den „Be-Sitzer“ eben auch von seiner Begeisterung für das formal-ästhetische Konzept abhängt. Eine solche Produkt- und Designanalyse bringt gerade die Entscheider für den Einkauf und den Einsatz derartiger Artefakte dem Wesen des Nutzens für den Menschen ein Stück näher…

Auszug aus dem Gutachten zur Ergonomie von Arbeitssitzen – hier die Zusammenfassung in der Bild-Wort-Kombination

Auszug aus dem Gutachten zur Ergonomie von Arbeitssitzen – hier die Zusammenfassung in der Bild-Wort-Kombination

Adressaten-orientierte Wort-Bild-Kommunikation der Ergebnisdarstellung
Offenbar bot das erste Gutachten zum Design der in der Feldstudie zu testenden Arbeitssitze nicht nur „Wissenswertes“, sondern hatte wohl auch eine epistemische Dimension. Diese lag neben dem Anspruch auf eine „handwerklich saubere“ wissenschaftliche Methode der Nachvollziehbarkeit und dem Versuch einer intra- und interindividuellen Unabhängigkeit qualitativer Analysen auf der adressaten-orientierten Wort-Bild-Kommunikation. Und so wollte die Projektleitung auch ein Exposé zur Ergonomie, also zu den interaktiven Kontaktstellen der Arbeitssitze zum Nutzer und dies mit einer Aussage zu den möglichen Störfaktoren. Dieses „Expertenwissen aus dem Labor“ wurde dann später mit den Aussagen der Probanden aus der Feldstudie korreliert. Hintergrund einer solchen Betrachtung war die Annahme (des Experten), dass sowohl praktische als auch ästhetische Qualität nur durch das reziproke Element der Interaktion einer Subjekt-Objekt-Beziehung Realität wird. Was ja für Alltagsprodukte auch eher der Normalfall ist. Nach dieser methodischen Arbeitsweise wurden auch Produkte der Arbeitswelt (siehe Kranfahrer-Arbeitsplatz) als auch Produkte für den privaten Bereich diagnostiziert – in Korrespondenz zum Produktlebenszyklus. Nicht unerwähnt bleiben soll aus heutiger Sicht an dieser Stelle, dass natürlich auch symbolische Funktionen des Designs (vgl. die sog. Chefsessel mit denen der „Untertanen“) in einer Produkt- und Designanalyse ihren Niederschlag finden müssen. Sucht doch der Designforscher von damals auch heute den Weg zum Wesen des Nutzens …

Download „Die ästhetischen Einflüsse des Designs auf die Bewertung von Arbeitsstühlen“ 1979

Download „Ergonomische Beurteilung von Stellteilen an Arbeitssitzen“ 1980

Download „Anthropometrische Analyse und Gestaltung einer Kranfahrersteuereinheit“ 1981

Download „Ergonomische Produktbewertung zur Feststellung der Gebrauchstauglichkeit“ 1985

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