Designforschung – Auf zu eigenen Erkenntnissen!

 

Studierende, auf zu eigenen Erkenntnissen – Integration der Primärforschung in die Lehre von Design- und Projektmanager/innen.

Studierende, auf zu eigenen Erkenntnissen – Integration der Primärforschung in die Lehre von Design- und Projektmanager/innen.

Primärforschung und Designlehre: Design und Forschung – eine enge Allianz! Immer geht es darum, weiterzudenken, Neues zu suchen, Besseres zu entwickeln. Studiengänge im Design sind daher curricular so aufzubauen, dass sie bewährtes Wissen weitergeben und neues Wissen gezielt fördern. Die Designstudiengänge einer Berufsakademie, die Petra Kern maßgeblich mitentwickelte, sind genauso angelegt. Wie es gelingt, sogar Primärforschung in den Studienalltag zu integrieren, beschreibt die Bildungsmanagerin hier an einem Beispiel.

Konkret geht es um das Designmanagement-Projekt 2 des Studiengangs Design- und Projektmanagement der FH Südwestfalen, Campus Soest, im Sommersemester 2015. Das Projekt fand unter Leitung von Prof. Dr. Ulrich Kern und unter Mitwirkung von Julian Zenker statt, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Eyetracker-Labor. Die technischen Systeme der Blickerfassung sollten eingesetzt werden, um die Wirkung von Verpackung zu erforschen, deren Gestaltung genderspezifisch modifiziert wurde. Reagieren Frauen anders auf Verpackungsgestaltung als Männer? Lassen sich Verpackungen so manipulieren, dass sie vor allem für Männer oder Frauen attraktiv sind? Und wie muss dann genderneutrale Verpackung aussehen? Fragen, für die der aktuelle Erkenntnisstand der Genderforschung im Design hinzuzuziehen war.

Lehrende, qualifizierte Briefings als Input für die Studierenden konditioniert Effektivität und Effizienz

Qualifizierte Briefings als Input für die Studierenden konditionieren Effektivität und Effizienz

Und zugleich ein Thema von großer Relevanz im Designmanagement. Gilt es doch, jenseits altbackener Klischees die Gendercodes in der Gestaltung kritisch zu reflektieren und damit zu experimentieren. Wenn Frauen nicht nur Konsumentinnen von Produkten jeder Art sind, sondern auch in Unternehmen zunehmend in strategischen und nicht nur operativen Positionen tätig sind – was heißt das für eine Disziplin, die sich historisch überwiegend an männlichen Protagonisten orientiert? Ist dann nicht eine Vielzahl blinder Flecken einzublenden und bewusst in Augenschein zu nehmen? Noch dazu, wenn die Design-Studierenden inzwischen in großer Mehrheit weiblich sind. Es ist schon längst an der Zeit zu untersuchen, ob und wie Produktgestaltung mit dem Wahrnehmungsverhalten von Frauen kompatibel ist. Fast überflüssig zu erwähnen, dass es nicht um ein Besser oder Schlechter, Intelligenter oder Einfältiger in der Genderzuschreibung geht, sondern um die jeweilige Besonderheit der spezifischen Wahrnehmung. Worin auch immer sie gegründet sein mag: historisch-sozial konstruiert und/oder biologisch determiniert.

So oder so – für die rund 40 Studierenden des vierten Semesters war es offenbar sehr spannend teilzunehmen. Noch dazu war es ein Novum, an einem Projekt der Primärforschung mitzuwirken. Umso wichtiger waren gründliche Vorbereitung, Strukturierung und Begleitung des ambitionierten Vorhabens. Zumal die Zeitachse des knappen Sommersemesters nur kompakt getaktete Bearbeitungsphasen zuließ. Das Projekt startete daher mit einem schriftlichen Briefing des Design-Professors, das eingehend im Plenum besprochen wurde. So waren alle Teams am selben Startpunkt: Aufgabe und Problemkontext, Zielsetzung und Vorgehensweise des Forschungsprojekts im Design waren klar. Denn auch hier galt: Stolpert das Projekt schon zu Anfang, scheitert es garantiert am Ende. Zumal Forschungsprojekte ihren eigenen Anspruch haben.

Bei dem Gegenstand – Gendercodes im Verpackungsdesign – handelte es sich inhaltlich um komplexe Dimensionen: Es ging um Einkaufsverhalten und Konsumkultur, um die Bedeutung von Verpackung im Produktmarketing und natürlich um genderspezifische Gestaltung. Vorlesungen führten in die verschiedenen Themenkontexte ein und erleichterten den Studierenden die Hintergrund-Recherche in der knapp bemessenen Zeit. Denn zusätzlich galt es, in eine komplett neue Methode einzuführen: die Laboruntersuchung mittels Eyetracking. Julian Zenker, der sich bereits seit einigen Semestern mit dem System vertraut gemacht hatte, unterwies und beriet die studentischen Teams im Semesterverlauf, so dass unter seiner Anleitung erste eigenständige Untersuchungen mit der Technik möglich waren. Und schließlich kommt es bei Forschungsvorhaben auf den Prozess an, der die Schritte der Problemdurchdringung strukturiert. An die Hand gegeben wurde den Teams eine Phasenfolge für die Erkenntnisdeduktion. Diese reichte von der Analyse über Empirie und Ableitung bis zu Gestaltung und Planung. Mit diesen Prozessphasen als Grundgerüst für das Forschungsprojekt gelang es den Teams, ihr Phasen- und Zeitmanagement effektiv zu organisieren.

Und die Ergebnisse? Bei der Abschlusspräsentation am Ende des Semesters, bei der Petra Kern Beobachterin war, wurde zusammengefasst, was an Erkenntnissen im Projektverlauf gewonnen und in wöchentlichen Arbeitsbesprechungen diskutiert worden war. In schriftlichen Dokumentationen lagen die Prozessbeschreibungen vor, die Ergebnisse der Desk Research als Basis, die Auswertung der Primärdaten im ersten Durchlauf, die modifizierten Verpackungen, die Analysen und Kriterien für gestalterische Entscheidungen der Umgestaltung und ebenso die Interpretation der Primärdaten des zweiten Durchlaufs. Eine kritische Reflexion der Erkenntnisse, der Grenzen der Eyetracking-Methode und ein Ausblick auf weiterführende Forschungsfragen ergänzten die Arbeiten.

Unter der Überschrift des Forschenden Lernens war das Projekt gestartet, und mit selbstbewusst präsentierten Erkenntnissen der studentischen Teams endete das Vorhaben. Dass Forschung kein Selbstzweck ist und es nicht um „Geheimwissen“ für die Schublade geht, zeigten die studentischen Arbeiten ebenso. Mit Witz, Medienkompetenz und Kommunikationsstärke präsentierten sie ihre Erkenntnisse alles andere als „staubtrocken“: Ein selbst gedrehtes Video über Tom und Tessi im Supermarkt fasste genderspezifische Unterschiede beim Einkaufen selbstironisch zusammen, eine eigenständig organisierte Befragung in der Einkaufszone dokumentierte „typische“ Reaktionsweisen von Männern und Frauen auf gendercodierte Verpackungen. Und mit der Personalisierung eines androgynen Icons als „Forscherfigur“ verdeutlichte ein studentisches Team listig, dass es keine objektive Instanz gibt, die uns das Verstehen und Verständigen abnimmt. Die Untersuchung von menschlichem Verhalten ist letztlich auch immer beeinflusst von menschlichem Verhalten … Das ist nicht unwissenschaftlich, sondern gerade wissenschaftlich seriös. Zeigt es doch die Relativität von Erkenntnissen auf. Gerade wichtig in der engen Allianz von Design und Forschung!

Reader „Eye-Tracking – Einführung in den Einsatz der Untersuchungsmethode bei F&E-Vorhaben“ _ Ulrich Kern

Link Website „Wechsel in der Akademieleitung – Gründungsphase erfolgreich beendet“ _ BGBA Hanau

Link Website „Mit Eye-Tracking der Wirkung von Verpackung auf der Spur“ _ FH Südwestfalen