Employability – Ein Puzzle aus unendlichen Teilen

 

Berufsbefähigung - Ausbildung von Kompetenzen für eine Praxis, die sich wie ein unendliches Puzzle darstellt und sich ständig wandelt.

Berufsbefähigung – Ausbildung von Kompetenzen für eine Praxis, die sich wie ein unendliches Puzzle darstellt und sich ständig wandelt.

Produktmanagement: Nehmen wir mal an, dass jedes Unternehmen sein individuelles Geschäftsmodell hat, dann wird es sich auch durch eine eigene Struktur auszeichnen. Diese jeweils „einzigartigen“ Strukturen bedingen wiederum eigene Strategien als Solitäre in dem Sinne, dass sie „eigenartig“ und nicht kopierbar sind. Logischerweise korrespondieren damit in vielen Leistungsbereichen eigenständige Produkte mit Alleinstellungsmerkmalen im Markt. Die ganze Geschichte wird noch vielschichtiger, wenn man bedenkt, dass es wesentliche Unterschiede zwischen Konzernen und KMU’s, zwischen Handwerksbetrieben und freiberuflichen Dienstleistern gibt. Dies impliziert quasi zwangsläufig, dass die so genannte Praxis ein Puzzle aus unendlichen Teilen ist, die sich ständig bewegen, verändern, neu konfigurieren. In diesem Kontext ist dann auch zu sehen, dass der Mensch durchschnittlich drei- bis viermal im Laufe seines Lebens sein Berufsfeld wechselt. Können Hochschulen angesichts dieser „komplizierten Komplexität“ überhaupt praxisgerecht – im Sinne einer Employability – ausbilden? Und für welches Bild von Praxis überhaupt?

Das Briefing für den Problemlösungsprozess als Input durch den Lehrenden – Basis für das Training kreativer Managementprozesse

Das Briefing für den Problemlösungsprozess als Input durch den Lehrenden – Basis für das Training kreativer Managementprozesse

Studierende suchen sich „ihren“ Job aus
Ein möglicher Ansatz praxisgerecht auszubilden, wurde im Seminar Produktmanagement im WS 2014-15 bei Prof. Dr. Ulrich Kern (FH Südwestfalen) mit Hilfe des curricularen Ansatzes der forschenden Lehre ausprobiert. Es wurde eine Reihe von Stellenanzeigen für Produktmanager/innen aus monster.de und stepstone.de ausgewählt. Denn diese vermitteln einen momentan gültigen Ausschnitt der beruflichen Praxis und die hierfür erforderlichen Kompetenzen. Die Studierenden hatten die Möglichkeit, sich „ihren“ Job auszusuchen. Aufgabe war, eine der Anforderungen, die in der jeweiligen Stellenanzeige formuliert waren, zu bearbeiten. So z.B. „die Entwicklung von Neuprodukten“ oder die „Betreuung der Produktlinie über den gesamten Produktlebenszyklus“. Zur Aufgabe der Studierenden gehörte auch, das jeweilige Unternehmen und sein Produkt im Marktkontext zu analysieren. Jede der Anforderungen war weiterhin mit einem speziellen Tool hinterlegt (z.B. BCG-Matrix für die Portfoliobewertung oder Business Case-Entwicklung). Auch dieses galt es aufzuarbeiten. In der Zusammenschau war schließlich die Marktsituation des Unternehmens zu interpretieren, eine mögliche Lösung für die selbst gestellte Aufgabe zu imaginieren und das Ergebnis zu dokumentieren. Basis des Bearbeitungsprozesses war ein wöchentlicher Jour fixe, bei dem die Studierenden ihren Arbeitsfortschritt vorstellten und in gemeinsamer Diskussion verbesserten. Fakultativ wählbar war die eine Vorgehensweise, die den Problemlösungsprozess der Studierenden begleitete und für den jeweiligen „Job“ zu adaptieren war. Hierdurch wurden Effizienz (z.B. Ableitung von Meilensteinen) und Effektivität (z.B. Kreativität der Ergebnisse) unterstützt.

Angebot einer fakultativ zu wählenden Vorgehensweise – Unterstützung der Effizienz (z.B. Ableitung von Meilensteinen) und der Effektivität (z.B. Kreativität der Ergebnisse)

Angebot einer fakultativ zu wählenden Vorgehensweise – Unterstützung der Effizienz (z.B. Ableitung von Meilensteinen) und der Effektivität (z.B. Kreativität der Ergebnisse)

Die Lösung liegt nicht im Problem, sondern im Problemlöser
Am Ende des Seminars stand der Leistungsnachweis. Hierfür waren die Dokumentation und ein Managementreport, verstanden als Zusammenfassung der entscheidungsrelevanten Daten für ein fiktives Unternehmensmanagement, abzugeben. Mit intendiert – aber nicht in den Lernzielen explizit formuliert – war, dass die Studierenden bei der Aufarbeitung der Methodentools die überlappenden Schnittmengen zwischen Produkt- und Projektmanagement, zwischen Design- und Marketingmanagement und zwischen Nachhaltigkeits- und Innovationsmanagement feststellten. Die Studierenden nahmen so bewusst zur Kenntnis, was es konkret bedeutet, dass ihr Studium des Design- und Projektmanagements für eine breite Berufspraxis ausbildet. Die inhaltlich-methodische Nähe, aber auch die perspektivische Distanz zwischen unterschiedlichen Blickwinkeln der Managementdisziplinen wurde so deutlich. Eine Erkenntnis, die am Ende auch dazu führte, dass die Fachkompetenz der Studierenden an persönlicher Souveränität gewinnt und eben nicht von Schubladendenken geprägt ist. Denn schließlich liegt die Lösung nicht im Problem, sondern im Problemlöser. Ein weiterer Lernerfolg zeigte sich darin, dass die Studierenden gelernt hatten, ihre Problemlösungskompetenzen mit dem Stellenprofil eines Unternehmens abzugleichen und sich nicht allein am Etikett der Stellenanzeige zu orientieren. Denn häufig haben Unternehmen neben ihren eigenen Strukturen und Strategien auch eigene Terminologien für ihre Arbeitsbeschreibungen. Es gibt eben nicht „die“ Praxis, sondern ein Konglomerat an Kompetenzen für die unterschiedlichsten Ausschreibungen von Arbeitsanforderungen.

Mäeutisch die Potenziale von den Studierenden selbst entwickeln lassen
Der Ansatz des Forschenden Lernens eignet sich besonders gut für kreative Management-Studiengänge, um die individuellen Kompetenzen der Studierenden zu fördern und sozusagen mäeutisch deren Potenziale selbst entwickeln zu lassen. Das studentische Lernen soll auf die Gewinnung neuer Erkenntnisse gerichtet sein. Diese sollen generell für Dritte von Interesse sein, z.B. für Unternehmen, Verbände, Berufspraxis, Öffentlichkeit, Hochschule / FB etc. Dabei ist der ganze Forschungszyklus (von den Ausgangsfragen über zum Ergebnis) zu durchlaufen. Wissenschaft ist als sozialer Prozess zu erfahren. Die Merkmale des Forschenden Lernens sind: „Problemorientierung“ – reale Handlungsprobleme zum Wissenserwerb und Training beruflicher Problemlösungen. „Projektorientierung – systematisch-methodisches Analysieren, Strukturieren und Handeln im Team hinsichtlich einer Problemstellung. „Selbstorganisation – Förderung der Selbstständigkeit durch den systematischen Aufbau von Methoden- und Lernkompetenzen. „Lernerzentrierung“ – Individuelle und aktive Ausformung des Lernprozesses (Inhalte, Methoden und Ziele) durch die Lernenden.
Vielleicht finden auf diese Weise die Puzzleteile zusammen …

Link BA-Thesis von Julian Unzner zur Forschenden Lehre

Link Website „Produktmanagement an der FH Südwestfalen – Fiktive Lösungen für reale Jobs“