Entwicklungsplanung – Zukunft zum Zupacken

 

Studiengangsentwicklung heißt auch Fakultätsstrategie plus Hochschulentwicklung – hierfür muss manch festsitzende Schraube in den Köpfen gelockert werden

Studiengangsentwicklung heißt auch Fakultätsstrategie plus Hochschulentwicklung – hierfür muss manch festsitzende Schraube in den Köpfen gelockert werden, was nicht immer auf Begeisterung stößt!

Studiengangsentwicklung: Studiengänge sind schon längst nicht mehr im Hochschulgefüge fest „verschraubt“, sondern beweglich und flexibel veränderbar. Denn spätestens mit der Bologna-Reform haben sich die Planungshorizonte stark verkürzt. Alle drei bis fünf Jahre gehören die Curricula vorhandener Studiengänge auf den Prüfstand. Genauso ist die Konzeption neuer Studiengänge nicht mehr seltene Ausnahme, sondern immer häufiger auf der Tagesordnung. Dies gilt für Neugründungen von Hochschulen „auf der grünen Wiese“ und genauso für bestehende Institutionen. Vor dem Hintergrund unserer Erfahrung mit Hochschulen und Studiengangs-Entwicklungen analysieren wir (Petra Kern, Ulrich Kern) im Folgenden einige typische Ausgangssituationen.

Ansprüche von anderen und Ansprüche an sich selbst – die Hochschule als Teil eines kreativ-kollaborierenden Systems in einer win-win-Struktur

Ansprüche von anderen und Ansprüche an sich selbst – die Hochschule als Teil eines kreativ-kollaborierenden Systems in einer Win-win-Struktur.

Die Motive für die Konzeption von Studiengängen sind vielfältig: Die äußerst dynamische Entwicklung der Außenwelt – z.B. in Wirtschaft und Unternehmen – erfordert aktuelle Konzepte und Strategien, angepasste Techniken und Tools. Ein anderes Szenario: Die eigenen Zielgruppen, sprich Studiengangsinteressenten, finden bei Wettbewerbern attraktiv zugeschnittene Studiengänge vor und wandern zunehmend ab. Das erhöht den Druck, das eigene Angebot sowohl für berufsbefähigende Abschlüsse als auch für Weiterbildung zu verbessern. Genauso beachtenswert ist das Phänomen sich vernetzender „Einzelsysteme“. Immer häufiger sind in Wirtschaft und Wissenschaft Kompetenzprofile gefragt, die neben spezialisierter Fachexpertise auch das Wissen von Generalisten einfordern. Der Spagat zwischen zwei oder mehr „Welten“ ist zu leisten: Etwa wenn Management-Studiengänge für Kreative entwickelt werden, wenn Engineeringwissen für Biologen gefordert ist oder Business Administration für Geisteswissenschaftler. In kreativ-kollaborierenden Systemen von Politik und Wirtschaft, Menschen und Ideen, sind die Akteure mehr denn je aufeinander angewiesen. Die Interessen werden differenzierter, die geforderten Kompetenzen komplexer. Hochschulen machen da keine Ausnahme. Eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Interaktion ist, dass sich die operativen Einheiten, die Fachbereiche bzw. Fakultäten und ihre Studiengänge, nicht mehr als isolierte Inseln sehen, sondern vielmehr als „Verkehrsknotenpunkt“ für gesellschaftliche Entwicklung. Neben der Beziehung zwischen Lehrenden und Studierenden spielt der permanente Dialog mit den Unternehmen und generell der Berufspraxis eine große Rolle.

Was bedeutet das für die Konzeption von Studiengängen? Zunächst einmal eine große Chance, wie wir finden. Denn neue zeitgemäße Studiengänge lassen sich nach dem Baukastenprinzip entwickeln. Dies bedeutet, vorhandene Ressourcen so weit wie möglich zu nutzen und nur die für die spezifische Profilierung erforderliche Vertiefungskompetenz neu ins Haus zu holen. So lassen sich Angebote entwickeln, die auf die differenzierten Erwartungen der diversen Zielgruppen (Studierende und Unternehmen als Beispiel) eingehen, ohne die vorhandene Struktur und Organisation durch Komplexität und Neuheitsgrad zu überfordern. Das Angebot wird vielfältiger und interessanter, der Ressourceneinsatz profitiert von Synergien. Die Hochschule bzw. die Fakultät schärft ihr Profil und kann sich vom Wettbewerb klar und substantiiert abheben – ein großer Vorteil wiederum für Kommunikation und Marketing.

Mit dem Baukastenprinzip lassen sich zielgruppengerechte Studiengänge spezifischer Profilierung entwickeln, die vorhandenen Ressourcen optimiert einsetzen und Vorteile im Wettbewerb generieren.

Mit dem Baukastenprinzip lassen sich zielgruppengerechte Studiengänge spezifischer Profilierung entwickeln, die vorhandenen Ressourcen optimiert einsetzen und Vorteile im Wettbewerb generieren.

Für dieses Ziel gilt es, die studiengangsspezifische Kernkompetenz, die fachspezifischen Komplementärkompetenzen und die fachübergreifenden Metakompetenzen im Sinne von Schlüsselqualifikationen zu differenzieren. In dem Strukturbeispiel (s. Grafik) macht die studiengangsspezifische Kernkompetenz rund die Hälfte des Curriculums aus, jeweils ein Viertel belegen die Komplementär- und Metakompetenzen. Dabei entwickeln sich die ersteren im Studienverlauf degressiv, die zweiten progressiv, da sie die Phase der Stellensuche und Selbstvermarktung vorbereiten. Es versteht sich von selbst, dass der jeweilige Mix und die Definition der Kompetenzinhalte von dem Studienziel und der angestrebten Employability abhängen. So kann die Komplementärkompetenz des einen Studiengangs zur Kernkompetenz des anders profilierten Studiengangs avancieren. Ein Grundsatz dabei ist, dass die inhaltliche Differenzierung so spät wie möglich bzw. so früh wie nötig beginnt. Dies sichert hohe Teilnehmerzahlen in den Grundlagen und ermöglicht die Zusammenfassung von Teilnehmern unterschiedlicher Studiengänge in spezialisierten Modulen. Neben effizientem Einsatz der Lehrkapazitäten bietet das Konzept damit auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Studierenden und den oft inspirierenden Blick über den eigenen „Tellerrand“ hinaus.

Was ist dafür zu leisten? Bei der Konzeption von Studiengängen ist zunächst einmal eine Auseinandersetzung mit dem vorhandenen Marktangebot wichtig. Die „Marktperspektive“ ist hierbei tatsächlich hilfreich. Zu erkunden ist, welche Hochschule welche Studiengänge anbietet, mit welchem Profil, Inhalten und für welche Zielgruppen. So ergibt sich ein fundierter Einblick in die Wettbewerbssituation und die Marktchancen, mit einem eigenen Profil die „richtige“ Interessentengruppe anzusprechen. Ebenso wichtig ist es, nicht nur von den eigenen Hochschulressourcen her zu denken („was können wir besonders gut?“), sondern auch die geforderten Kompetenzen der Absolventen in den Blick zu nehmen („Wie sieht die geforderte Berufsbefähigung unserer Absolventen aus?“). Weiterhin gilt es, die fachspezifischen Entwicklungstendenzen genauso zu kennen wie die in den wesentlichen Berufsfeldern und Anwendungsgebieten. Hierbei zeichnen sich oft strukturelle Muster ab, die zu veränderten Kompetenzprofilen und zukünftigen Berufsbildern führen. Die Probe aufs Exempel wiederum macht z.B. eine Analyse aktueller Stellenangebote. Sie verdeutlicht in einer Sammlung von Stichproben, welche Problematiken virulent sind, welche Qualifikationen zur Problemlösung erwartet werden und wie typische Aufgabengebiete zugeschnitten sind. Ebenso aufschlussreich ist der Austausch mit Berufsverbänden und Fachgruppen, genauso die Auswertung von Alumni-Befragungen, sofern vorhanden. Wesentlich schließlich ist auch ein ebenso treffendes wie aufmerksamkeitsstarkes Naming des Studiengangs. Es sollte die Profilierung klar zum Ausdruck bringen und sich von den Allerweltsbezeichnungen abheben. Wenn etwas Besonderes tatsächlich „drin“ ist, sollte dies auch explizit „oben“ draufstehen! Die Vermarktung in dem Riesenangebot von rund 18000  Studiengängen allein in Deutschland macht dies auf jeden Fall leichter.

Ein Missverständnis gilt es an dieser Stelle auszuräumen: Es geht nicht darum, Studiengänge unter dem Gesichtspunkt kurzfristiger Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt zu konzipieren, sondern mit strategischer Anschlussfähigkeit an Entwicklungen der Zukunft. Daher sollten für die Studierenden Selbstmanagement und kritische Reflexion der eigenen Fähigkeiten ganz vorne auf der Liste der Metakompetenzen stehen – unabhängig von den fachlichen Qualifikationen. So können nicht nur attraktive und aufmerksamkeitsstarke Studiengänge entstehen, sondern auch für die künftigen Hochschulabsolventen eine Zukunft zum Zupacken!

Download Entwurf eines MA-Sg Designmanagement, FH Trier 2005

Download Konzept für einen Master-Studiengang Designmanagement vorgelegt _ Die Fachzeitschrift Juli 2003 _ Ulrich Kern

Download Entwurf eines Weiterbildungs-Sg Kreativ- und Innovationsmanagement, HAWK Hildesheim 2008

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