Gender Design – Produktsprache im Fokus

 

Design für Männer und/oder Frauen - gibt es Unterscheide? Wenn ja, sind die berechtigt? Wenn nein, warum gibt es diese?

Design für Männer und/oder Frauen – gibt es Unterscheide? Wenn ja, sind die berechtigt? Wenn nein, warum gibt es diese?

Produktdesign: Das waren noch Zeiten! Da schenkte man den Müttern zu „ihrem“ großen Tag im Mai ein Bügelbrett oder einen Römer-Topf. Und dazu eine Flasche „Frauengold“, um die Launen des (männlichen!) Chefs besser ertragen zu können – so versprach es jedenfalls die Werbung damals. Ab 1962 bekamen die Frauen immerhin ihr bescheidenes Gehalt auf ein eigenes Konto überwiesen und „schon“ 1969 wurde die verheiratete Frau als geschäftsfähig durch den Gesetzgeber angesehen. Alles noch gar nicht so lange her!

Widersprüche und brisante Themen
Und heute in Zeiten einer scheinbar selbstverständlichen Gleichberechtigung? Frauen sind immer noch unterrepräsentiert überall dort, wo es um Einfluss, Macht und Kontrolle geht. Auch wenn Frauen immer wieder höchst wichtige Tugenden und Qualifikationen bescheinigt werden. Auch wenn Frauen inzwischen den größten Teil der privaten Konsumausgaben verantworten. Und auch wenn künftig sogar beim Old Boys` Club Volkswagen eine Frau die Kohlen aus dem Feuer holen darf … Widersprüche und brisante Themen genug, um das Thema Gender für Design und Designmanagement zu behandeln. Dies ist der Fall im Modul Produktgestaltung bei Prof. Dr. Ulrich Kern im Sg Design- und Projektmanagement der FH Südwestfalen.

Dreiecks-Beziehung der Produktgestaltung: Zu schaffen ist die Balance zwischen Gestalter, Nutzer und Objekt. Designmanagement wirkt als Regulativ.

Dreiecks-Beziehung der Produktgestaltung: Zu schaffen ist die Balance zwischen Gestalter, Nutzer und Objekt. Designmanagement wirkt als Regulativ.

Veränderte Blickwinkel – neue Fragen
Alle Anzeichen sprechen dafür, dass Gender Design das Potenzial für eine neue Wettbewerbsqualität hat. Eine zentrale Frage des Seminars lautet daher, ob und wie Designmanagement auf diese neue Herausforderung reagieren kann. Und wie lässt sich die wissenschaftliche Dimension einer solchen Neuorientierung im Design durchdringen? Als Instrument hierfür sind modellhaft die Beziehungen zwischen Gestalter, Objekt und Nutzer abzubilden. Während im klassisch verstandenen Designstudium das zu gestaltende Objekt im Mittelpunkt steht, rückt das Curriculum der neueren Studiengänge für Designmanagement die Relationen der Produktgestaltung in den Vordergrund. Somit geht es nicht nur um Produktionsästhetik, sondern genauso um Rezeptionsästhetik. Und dabei zeigt sich die Relevanz der Genderthematik. Wie nehmen Frauen das Design der angebotenen Produkte wahr? Entspricht es ihren Präferenzen? Und was bedeuten die Unterschiede im Vergleich zur männlichen Perzeption für die Produktgestaltung? Konzeption geht daher vor Kreation im Designmanagement. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Interdependenz zwischen Gestalter, Objekt und Nutzer bestimmt die Richtung und das Wirkungspotenzial der kreativ-gestalterischen Leistung. Hierfür ist aber ein breiter Wissenskontext der interdisziplinären Sichten zu schaffen.

Analyse der Genderthematik als komplexe Wissenstopographie – in Zusammen-schau der Disziplinen mit ihren Erkenntnissen zum aktuellen Wissensstand.

Analyse der Genderthematik als komplexe Wissenstopographie – in Zusammenschau der Disziplinen mit ihren Erkenntnissen zum aktuellen Wissensstand.

Dicke Bretter bohren
Schon längst sind gesellschaftlich relevante Themen nicht mehr monodisziplinär zu lösen oder linear zu denken. Innovative Ansätze brauchen eine vernetzte Methodik in einem interdisziplinären Kontext. Im Seminar Produktgestaltung wird daher die Genderthematik als komplexe Wissenstopographie erkundet – als Zusammenschau der Disziplinen, die Erkenntnisse zum aktuellen Wissensstand beisteuern. Das empfiehlt sich gerade bei Themen, zu denen eine objektivierte Distanz nicht möglich ist. Jeder Gestalter ist Mann oder Frau. Und jeder von uns trägt in sich ein weitgehend unreflektiertes Vorwissen von dem, was es heißt, Mann oder Frau zu sein. Die Ansichten, was uns vermeintlich die Natur „eingeschrieben“ oder die Kultur „vorgeschrieben“ hat, werden schnell zu vermeintlichen Tatsachen. Differenzierte Analysen biologisch-psychologischer oder anthropologisch-historischer Art zu dem Thema relativieren oder aktualisieren dagegen so manches Argument bzw. Vorurteil. Genauso schärfen Erkenntnisse der Soziologie und Gesellschaftspolitik sowie der Kunst und Kultur die Wahrnehmung der Genderthematik. Auf dieser Wissensbasis schließlich sind eine ökonomisch-konsumpsychologische Analyse und eine gestalterisch-ästhetische Konzeption fundiert vorzunehmen. Der konzeptionelle Denkraum und gestalterische Korridor für Ideen und Entwürfe im Gender Design sind frei.

Mit dem semiotischen Instrumentarium analysiert das Konzept der Produktspra-che das zeichenhafte Wirkungspotenzial der Gestaltung.

Das semiotische Dreieck – Mit dem semiotischen Instrumentarium analysiert das Konzept der Produktsprache das zeichenhafte Wirkungspotenzial der Gestaltung.

Sozialer Wandel im Fokus der Produktsprache
Nach dieser Phase von Analyse und Konzeption ist es an der Zeit, im Seminar die Produkte selbst „sprechen“ zu lassen. Mit Hilfe des designtheoretischen Konzepts der Produktsprache werden gestaltete Objekte als sprachliche Zeichen und kommunikative Botschaften untersucht. Was sagt z.B. die übliche Gestaltung von Haushaltsprodukten über die Annahmen zur Nutzung aus? Welche Werte oder Erwartungen signalisiert das tradierte Design von Werkzeugen? Und was kommunizieren innovativ gestaltete Produkte über deren Annahmen zum Gender Design? Das auf die Erkenntnistheorie der Semiotik zurückgreifende Konzept der Produktsprache ist für die Studierenden ein Ansatz für Interpretation und Decodierung, ebenso für Konzeption und Entwurf von Produktidentitäten. Besonders hilfreich ist der produktsprachliche Ansatz bei Phänomenen des sozialen Wandels. Wenn es darum geht, die kommunikative Beziehung zwischen geänderten Lebenswelten, neuen Produkten und ihren Nutzungskonzepten in Gestaltung zu übersetzen. Denn angehende Designmanager/innen wissen, dass sie ihre Erkenntnisse stets auf Relevanz und Aktualität zu überprüfen haben. Die Sensoren für Entwicklungstrends und sozioökonomische Verschiebungen sind zu schärfen. Zukunftswissen ist zu schaffen. Modelle und Methoden für die Identifikation geänderter Kundenwünsche und die Imagination neuer Lebenskonzepte sind gefordert – Stichwort gendersensible Gestaltung. 

Da kommt was auf Sie zu…
Mit Gender Design als neuer Wettbewerbsqualität für Unternehmen stellen sich neue Aufgaben für künftige Designmanager/innen – sei es für die Gestaltung von Produktwelten, die Konzeption von Verpackungen oder die Schaffung von Einkaufserlebnissen mit Visual Merchandising. Designmanager/innen als künftigen Führungskräften eröffnet sich damit ein spannendes Themenfeld. Noch dazu in einem Studiengang (wie dpm am Campus Soest), der in einem hohen Maß von weiblichen Studierenden belegt wird. Auf Design – eine Disziplin, die bisher ebenso traditionell männlich geprägt ist wie viele Domänen der Wirtschaft – kommen marktwirtschaftlich und gesellschaftlich relevante Umwälzungen zu. Neben wirtschaftlich-strategischen Fragen geht es auch um die gesellschaftlich-normative Dimension von Gestaltung. Welches Frauen- bzw. Männerbild haben wir eigentlich im Hinterkopf während des Designprozesses? Reproduziert es unhinterfragt das Bekannte oder reflektiert es Wandlungsprozesse der sozialen Realität? Designmanagement muss solche Fragen stellen. Es ist ja nicht nur die Realisierung ökonomischer Ziele mit den Mitteln der Gestaltung. Letztlich verantwortet Designmanagement auch die Umsetzung gesellschaftlicher Werte in die gestaltete Lebenswelt.

Download Reader „Die Produktsprache als Modell für Interpretation und Konzeption von gendesorientierter Gestaltung“ _ Ulrich Kern

Download Briefing „Experimentelle Gestaltung von technischen Alltagsprodukten für eine gendesorientierte Nutzertypologie“ _ Ulrich Kern

Download MA-Thesis „Gender als Gestaltungskategorie im Editorialdesign _ Annika Worpenberg _ HAWK Hildesheim SS 2010

Download BA-Thesis „Das Bügeleisen für Männer“ _ Dimitri Uroda _ HAWK Hildesheim WS 2009-10

Link Eyetracking-Untersuchung mit manipulierten Verpackungen – differenziert nach Männern und Frauen _ SS 2015 _ FH Südwestfalen

Link Eyetracking-Untersuchung mit realen Kosmetikprodukten für Männer und Frauen _ SS 2014 _ FH Südwestfalen

Link Im Kreativ-Workshop die konservativen Gender Codes knacken _ SS 2014 _ FH Südwestfalen

Link Gendercodes knacken bei Shampoo, Duschgel und Deo _ SS 2014 _ FH Südwestfalen

Link Frauen-Power in Soest _ Werkstattgespräche SS_2012 _ FH Südwestfalen

Link Von Mackern, Machos und metrosexuellen Männern _ HAWK Hildesheim SS 2011

Trennlinie_Seiten