Designphilosophie – Rückblick aus der Zukunft

 

Die Expertise "Designwissenschaften - Gesellschaft im Futur 1 und 2" (Autor: Prof. Dr. Ulrich Kern) setzt sich aus designphilosophischer Sicht mit einer neuen Perspektive zum Design auseinander.

Die Expertise „Designwissenschaften – Gesellschaft im Futur 1 und 2“ (Autor: Prof. Dr. Ulrich Kern) setzt sich aus designphilosophischer Sicht mit einer neuen Perspektive zum Design auseinander.

Designwissenschaften: Design ist symbiotischer Teil von Gesellschaft, Kultur, Technik, Wirtschaft. Soweit nichts Neues. Neu aber ist die rasende Veränderungsgeschwindigkeit, die auf alle Systeme einwirkt. Auch Design muss sich rasend schnell auf neue technische Chancen, neue gesellschaftliche Bedürfnisse oder neue ökonomische Perspektiven einstellen, will es langfristig Teil der Problemlösung sein. Denn nur dann bleibt Design gesellschaftlich relevant. Dies für die Zukunft zu beurteilen, ist aus heutiger Sicht schwierig. Zu unübersichtlich ist die Gemengelage.

Vielleicht hilft aber ein Rückblick aus der Zukunft? Scharfsinnig unterscheidet unsere Sprache zwischen Futur 1 als Konzeption des Kommenden und Futur 2 als vollendeter Zukunft. Eine Konstruktion, die auf zukünftige Szenarien als mögliche Tatsachen zurückblickt. Wie wird die Perspektive aus dem Futur 2 auf das kommende Design aussehen? Was werden wir im Rückblick sagen? Wird Design seine Chance verpasst haben? Wird es sich hinter seinen Errungenschaften von Bauhaus, Ulm und Memphis versteckt haben? Wird Design nur noch bei der Gentrifizierung der In-Quartiere in Metropolen mitgespielt haben dürfen? Und das trotz der Umwälzungen, die schon heute erkennbar sind? Man denke nur an die dramatische Situation zahlloser Flüchtlinge, ebenso an die ökologischen Folgen eines bedenkenlosen Konsums. Oder an die Asymmetrien einer globalisierten Wirtschaft (Marketing vs. Werkbank) und die sozialen Folgen. Ganz zu schweigen von der Digitalisierung, die gerade unser Leben tiefgreifend umformt. Die Liste weiterer Veränderungstreiber ist lang …

Die Profession Design ist prädestiniert für die Antizipation von technischen, wirtschaftlichenund kulturellen Optionen.Die Nutzung von kollektiver Kreativität als Ressource gestalterischer Leistung findet im Thinktank eine geeignete Organisationsform.Der Thinktank ist Denkraum und Ideenlabor für Kreativität in Teamkultur.

Die Profession Design ist prädestiniert für die Antizipation von technischen, wirtschaftlichen und kulturellen Optionen. Die Nutzung von kollektiver Kreativität als Ressource gestalterischer Leistung findet im Thinktank eine geeignete Organisationsform. Der Thinktank ist Denkraum und Ideenlabor für Kreativität in Teamkultur.

Problemlösungen für die Zukunft sind nur mit Kreativität zu haben. Eine mehrdimensionale Qualität des Denkens ist überfällig. Bisherige Strategien der Erkenntnis wie Deduktion und Induktion stoßen an Grenzen. So ist es kein Zufall, dass die Potenziale der Kreativen allerorten gefordert sind. Ihre Problemlösungsstrategien integrieren das abduktive Denken. Eine Methode, die in komplexen Situationen forschungsleitende Hypothesen aufstellt, sie der experimentellen Untersuchung unterzieht und so Innovationen in den wissenschaftlichen Denkprozess einbringt. Eine Methode, die auch (inter-)subjektives Expertenwissen einbezieht und nicht nur logisches Denken zulässt. Vermutungen der Art „Was wäre wenn …?“ führen zu denkbaren Ausschnitten einer zukünftigen Realität. Kreative sind in der Lage, sie zu denken und zu imaginieren – als intellektuell und sinnlich wahrnehmbares Szenario.

Die abduktive Qualität des Denkens im Design führt zur Antizipation von Zukunft. Alles was Designer/innen tun, hat Relevanz für die Zukunft. Und Zukunft ist nicht Fortschreibung der Algorithmen der Erfahrung, sondern das Experiment aus den Optionen, die sich in der Gegenwart auftun. Begriffssysteme und Bilderwelten machen diese Optionen begreifbar und verhandelbar. Qua Imagination übernimmt Design die Rolle eines produktiven Agent Provocateur. Produktiv, weil die Potenzialität einer gesellschaftlichen Zukunft Formen annimmt. Provozierend, weil Design sichtbare, spürbare und erlebbare Wahrnehmungsqualitäten hat.

Produktive Provokation ist Postulat für jede Form des Entwerfens. Wer soll Innovation erfahrbar und verhandelbar machen – wenn nicht das Design? Produktive Provokation regt die Akteure des Innovationsprozesses zum intellektuellen Nachdenken (der Gegenwart) und zum kreativen Vordenken (der Zukunft) an.

Es wird also ohne Design und Kreativität in Zukunft nicht gehen. Führt dies aber zu einer besonderen Förderung und Wertschätzung der Kreativen? Oder muss das Design selbst hier für die Sicherung seiner Zukunft und Legitimation seiner Bedeutung sorgen? Die Design-Disziplin steht offenbar vor einer doppelten Aufgabe: Den Beitrag des Designs für die Zukunftsgestaltung relevanter Aufgaben kritisch erforschen. Und die Zukunft der eigenen Disziplin verantwortlich mitgestalten. Z.B. als ökonomische Verortung kreativer Leistung im Wertschöpfungsprozess. Oder als kulturelle Folgenabschätzung einer zunehmend ästhetisierten Gesellschaft. Genauso als Teilhabe der Kreativen an der Prosperität von designgetriebener Innovation.

Man muss kein Kulturpessimist sein, um zu erkennen, dass unsere Gesellschaft vor einer großen Problemwelle steht. Was sich auch erkennen lässt, ist, dass es Lösungsstrategien auf zwei Zeithorizonten braucht – für die nahe und die entfernte Zukunft. Die erste Zukunft ist schon in Umrissen zu erahnen, die spätere kann nur eine Projektion sein, eine Hochrechnung möglicher Krisen und Chancen. Hier ist nur zu hoffen, dass unsere Gesellschaft durch das fast lineare Wohlstandswachstum der letzten Jahrzehnte nicht verlernt hat, tiefgreifende Umwälzungen zu denken und zu managen.

Gerade die Profession Design ist prädestiniert für die Antizipation von technischen, wirtschaftlichen und kulturellen Optionen – mit der Vision einer lebenswerten Gesellschaft. Wenn es ein verantwortliches Design auch in Futur 2 noch geben soll, muss es die Chance der Zukunftsgestaltung ergreifen – Jetzt.

Download Expertise „Designwissenschaften – Gesellschaft im Futur 1+2“ 2016 _ Ulrich Kern

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