Biomemo – Wundertüte Designforschung

 

Erfahrungen als Designforscher - die Verbindungslinien zwischen früheren Erkenntnissen, heutigen Aufgaben und künftigen Herausforderungen im Design verdeutlichen: Die Wundertüte der Designforschung ist geöffnet...

Erfahrungen als Designforscher – die Verbindungslinien zwischen früheren Erkenntnissen, heutigen Aufgaben und künftigen Herausforderungen im Design verdeutlichen: Die Wundertüte der Designforschung ist geöffnet…

Designwissenschaften: Designforschung ist eigentlich überall zuhause – aber nirgendwo beheimatet. Schaut man sich in den forschungsstarken Innovationsfeldern um, dann ist Design ein Akteur auf Augenhöhe mit anderen Disziplinen. Kein Wunder. Denn Design ist eine Wissenschaft mit dem Fokus auf Forschung und Innovation. Dennoch fehlt dem Design die Aura einer tradierten Forschungsdisziplin – und damit auch das Netzwerk zu fördernden Institutionen. Das Bewusstsein der Leistungsfähigkeit der eigenen Disziplin ist nur fragmentarisch in der Design-Domäne zu finden. In Summe geht damit der Erkenntnisstand des bereits erreichten Status Quo verloren. Und Altbekanntes wird immer wieder neu „entdeckt“, wie z.B. gegenwärtig die Renaissance der Designforschung zeigt.

Der folgende (persönliche) Einblick in bzw. (subjektiv geprägte) Rückblick auf die Leistungspotenziale des Designs ist nicht etwa motiviert durch das Mantra „Früher war alles besser“. Vielmehr geht es darum, die Verbindungslinien zwischen früheren Erkenntnissen, heutigen Aufgaben und künftigen Herausforderungen im Design zu verdeutlichen. Wissenschaftlichkeit zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie nicht immer wieder am Punkt Null anfängt.

Wenn Designer/innen wüssten, was Design alles kann…
Es war die Zeit, als man dem Design eine große (wissenschaftliche) Zukunft zutraute. Die HfG Ulm hatte der industriellen Gestaltung im Deutschland der Nachkriegszeit einen nachhaltig wirksamen Neustart ermöglicht. Groß war daher auch das Aufsehen, als die Einrichtung in 1968 geschlossen wurde. Aber vielleicht war dies gerade die Voraussetzung dafür, dass das Gedankengut der „Alt- und Neu-Ulmer“ umso stärker in die Designdisziplin diffundierte.
Als ich (Prof. Dr. Ulrich Kern) Anfang der 1970er Jahre Design zu studieren begann, gab es zwar die HfG Ulm nicht mehr, das spezifische Denken aber war eigentlich fast überall. Die Braunschweiger Hochschule hatte gerade ihre Transformation von der Werkkunstschule zur Kunsthochschule vollzogen und suchte im Design respektive im Industrie-Design ihre eigene Position. Diese Offenheit fand ihre Leitplanken im Ulmer „Vermächtnis“ – Design arbeitet nicht subjektiv und willkürlich, sondern interdisziplinär und wissenschaftlich! Selbstverständlich konnte der Anspruch nicht immer und überall im Curriculum eingelöst werden. Aber der Aufbruch damals war – auch ohne Modulbeschreibungen und hinterlegte Lernziele – unverkennbar! Professoren und Studenten wollten noch etwas bewegen… Für mich als „jungen Menschen mit Gestaltungswillen“ war es ein Paradies ohne Verbote – wir durften alles in den Entwurfsprojekten, nur nicht langweilig sein. Und um bloß nicht als unoriginell oder unengagiert zu gelten, vergrößerten wir unseren Kompetenz- und Handlungsspielraum nach Belieben. Was uns als Studenten selbstbestimmt erschien, war seitens der Professoren (Prof. Dr. Arnold Schürer, Prof. Dr. Siegfried Maser) grundsätzlich intendiert. Wozu sonst gab es für uns auch Vorlesungen zur Wissenschaftstheorie oder Planungsmethodologie, Soziologie oder Psychologie?! Jedenfalls nicht, um in Ehrfurcht vor den großen Problemen der damaligen Welt zu erstarren. Und so machte sich auch jede/r nach dem Studium auf den eigenen Weg …

Designforschung und Arbeitswissenschaft – In diesen Forschungsprojekten stand der Mensch mit seiner Belastung und Beanspruchung im Vordergrund und damit verbunden die Optionen der Humanisierung durch neue technische Arbeitsmittel.

Designforschung und Arbeitswissenschaften – In diesen Forschungsprojekten stand der Mensch mit seiner Belastung und Beanspruchung im Vordergrund und damit verbunden die Optionen der Humanisierung durch neue technische Arbeitsmittel.

Wissenschaftliches Design – mehr als „nur“ Gestaltung
Für viele von uns erschien damals die Gestaltung von Konsumartikeln nicht als Berufsziel erster Wahl. Der Anspruch eines gesellschaftlichen Nutzens – ob in Form medizinischer Produkte oder ökologischer Prozesse – motivierte erheblich. Auch mich führte der berufliche Weg schon vor Abschluss des Designstudiums ins Ergonomiezentrum (Obering. Gerhard Förster) der Stahlwerke Peine-Salzgitter. Hier durfte ich an praktischen Aufgaben, aber auch in Forschungsprojekten zeigen, dass (wissenschaftliches) Design sehr viel mehr als nur Gestaltung ist. Und meine Diplomarbeit fand einen konkreten Kontext. Meinen ersten „richtigen“ Job trat ich anschließend im Arbeitswissenschaftlichen Labor (Prof. Dr. Herbert Schnauber) der Universität Siegen an. Nicht als Assistent für die Lehre, sondern als Mitarbeiter in Drittmittel-Projekten der Forschung. Die damaligen Förderprogramme hießen z.B. „Humanisierung des Arbeitslebens“ und wurden von der „Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Unfallforschung“ aufgelegt. Die Spanne der Vorhaben reichte von Schmiedezangen und Kantwerkzeugen bis hin zu Manipulatoren und Fließadjustagen in der Schwerindustrie. Zudem fanden die Projekte zeitgleich zueinander statt, was bedeutete, dass ich nicht nur Themenkompetenz entwickeln, sondern auch Organisationskomplexität beherrschen musste. Für einen Novizen wie mich, der in seiner Profession erst ankommen wollte, eine spannende Situation! Was mir bei der Professionalisierung half, waren die Erkenntnisse meines offen strukturierten Design-Studiums. Projektmanagement, Produktplanung und wissenschaftliches Arbeiten waren die Basisqualifikationen für die Generierung innovativer Forschungsergebnisse. Die Wundertüte „Designforschung“ war für mich wie eine Offenbarung. Diese – durchaus euphorisierende und motivierende – Einstellung bestimmte meinen weiteren Berufsweg.

Designforschung zu neuen Technologien – In dieser Befragung mit Auswertung und Interpretation wurden die aufkommenden neuen CAD-Technologien hinsicht-lich ihrer Relevanz und Akzeptanz für die Berufspraxis der Designer/innen er-forscht.

Designforschung zu neuen Technologien – In dieser Befragung mit Auswertung und Interpretation wurden die aufkommenden neuen CAD-Technologien hinsichtich ihrer Relevanz und Akzeptanz für die Berufspraxis der Designer/innen erforscht.

Beim Darmstädter Rat für Formgebung (Präsident Philipp Rosenthal) entwickelte ich die Designargumentation der beiden Themenbereiche Technik und Innovation für kleine und mittlere Unternehmen, die sogenannten KMU. Der Nutzen von Design für die Wettbewerbsfähigkeit sowie der vorlaufende Prozess waren mit der Struktur von F&E-Projekten vergleichbar. Es erwies sich: Hatte man die Grundprinzipen einer Aufgabe verstanden, konnte man diese auch in höhere Komplexitätsstufen transferieren. Im Berliner Arbeitswissenschaftlichen Forschungsinstitut awfi GmbH (Dr. Jürgen Krankenhagen, Dr. Klaus Weertz) verschmolzen Design und Ergonomie im Produkt. Im erweiterten Qualitätsbegriff summierten sich praktische und ästhetische Funktionalitäten für den Nutzer. So befasste sich ein Forschungsprojekt des awfi mit der Arbeitsplatzgestaltung in der Automobil-Industrie. Besonderheit war, dass „unsere“ Nutzer mit körperlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen hatten und die Gestaltungsmaßnahmen diesen anzupassen waren. Schwerpunkt der Aufgabe für mich war die Ermittlung der Arbeitsplatzkonzepte und die Vermittlung in die Entscheidungsebenen der Organisation hinein.

Designforschung zu neuen Designpotenzialen – Vordergründig stand das Entwer-fen im Fokus, aber eigentlich ging es um die Entwicklung und Darstellung der kon-zeptionellen und antizipatorischen Fähigkeiten der Designer/innen im Rahmen von Zukunftstechnologien.

Designforschung zu neuen Designpotenzialen – Vordergründig stand das Entwerfen im Fokus, aber eigentlich ging es um die Entwicklung und Darstellung der konzeptionellen und antizipatorischen Fähigkeiten der Designer/innen im Rahmen von Zukunftstechnologien.

Innovative Impulse für die Designforschung
Eine weitere große Herausforderung war die Transformation von der (retrospektiven) Designförderung zur (antizipierenden) Designforschung. Von Berlin wechselte ich beruflich nach Essen und verantwortete das damalige Haus Industrieform, welches ich später in Design-Zentrum Nordrhein-Westfalen (Vorstandsvorsitzender Klaus-Jürgen Maack) umfirmierte. Bei der Konzeption des „Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Design und Innovation“ inspirierte mich der Gedanke an die Antizipationswirkung durch Designforschung. Daher führte ich als Meta-Struktur die Unterscheidung ein nach dem (Serien-)Produkt, dem (Management-)Prozess und dem (Design-)Progrès. Bei letzterem handelte es sich um den mit 50.000 D-Mark dotierten „Studienpreis für Design-Konzepte“, einem in seiner Art und in der Höhe des Preisgeldes damals einmaligen Wettbewerb (Mitte der 1980er Jahre). Bewerben konnten sich professionelle Designbüros mit einer fundiert plausibilisierten Projektskizze. Damit wurde ein neues Fenster aufgestoßen, nämlich zur Forschungskategorie der „Advanced Design Studies“ im Kontext neuer Technologien und in Form von Drittmittel-Forschung. Die heutigen Avatare und Datenbrillen wurden damals vorgedacht und vorgemacht. Der Erfolg, damals in Form von öffentlicher Aufmerksamkeit und Presseresonanz, heute in Form moderner „Epigonen“, bescheinigte die Richtigkeit des Ansatzes. Seine Fortsetzung fand er in dem Programm „DATO – Design antizipiert technologische Optionen“. Damit fundierte ich meine Lehre (seit 2002) an den Hochschulen in Trier, Hildesheim und Südwestfalen. Gerade bei der Betreuung von Studienarbeiten bewährt sich dieses Programm bestens.

Forschendes Lehren und Lernen - Designstudie für ein Mobiltelefon, dessen Form rekonfigurierbar und damit individualisierbar ist. Es materialisiert sich durch Was-ser und bietet eine neuartige Haptik. Techniken der Geräuschminimierung sorgen für Gesprächsdiskretion. Es ist ressourcenschonend: nutzt Wasser und Körper-wärme für die Energiegewinnung. Noch ist es technische Fiktion, aber auf Basis bereits verifizierter Forschungsergebnisse.

Forschendes Lehren und Lernen – Designstudie für ein Mobiltelefon, dessen Form rekonfigurierbar und damit individualisierbar ist. Es materialisiert sich durch Wasser und bietet eine neuartige Haptik. Techniken der Geräuschminimierung sorgen für Gesprächsdiskretion. Es ist ressourcenschonend: nutzt Wasser und Körperwärme für die Energiegewinnung. Noch ist es technische Fiktion, aber auf Basis bereits verifizierter Forschungsergebnisse. (HAWK Hildesheim SoSe 2010: Think Tank: Design-Experimente zwischen Fakten, Forschung und Fiktion)

Wissenschaftliches Design als Forschungsdisziplin und Innovationstreiber
Als Student hatte ich das Konstrukt des Wissenschaftskreislaufs kennengelernt und erfahren, dass alle Elemente (Philosophie, Forschung, Planung und Praxis) ineinanderzugreifen haben, wenn der Designberuf und die eigene Berufung als Designer/in nachhaltige Wirkung entfalten sollen. Ein solches integriertes Design-Verständnis weiterzugeben, motiviert mich auch heute noch als Hochschullehrer und Designwissenschaftler. Ein sozial verantwortlicher Anspruch und eine forschende Neugier, die an dem wissenschaftlich anknüpft und weiterdenkt, was bereits andere angestoßen haben – sehe ich als wesentliche Voraussetzungen. Damit künftige Designer/innen wissen, was wissenschaftliches Design als Forschungsdisziplin kann und als Innovationstreiber weiß.

*Biomemo = Biografische, informative Erinnerung

Download Auszug „Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Design und Innovation 1989 – Studienpreis für Design-Konzepte“ Designers Visionen (Text: Rudolf Schönwandt; Hg.: Design-Zentrum NRW)

Download Auszug „Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Design und Innovation 1987 – Studienpreis für Design-Konzepte“ Dialogfähigkeit in neuer Dimension (Text: Rudolf Schönwandt; Hg. Haus Industrieform Essen)

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