Hochschulstrategie – Labore als Kick für die Lehre

 

Das Konstrukt der "Balanced Scorecard" und die Freiheit von Forschung und Lehre - kulminiert in der Hochschulstrategie, operationalisiert im Entwicklungsplan und im Laborbetrieb realisiert...

Das Konstrukt der „Balanced Scorecard“ und die Freiheit von Forschung und Lehre – kulminiert in der Hochschulstrategie, operationalisiert im Entwicklungsplan und im Laborbetrieb realisiert…

Wissenschaftsmarketing: Mit strategischen Zielen planen Hochschulen ihre Zukunft. Aber wie wird aus Strategiepapieren eine wirksame Verbesserung in Lehre und Forschung? Und wie intensivieren sich Beziehungen nach Innen und Außen? Als ein konkretes Beispiel wird in diesem Beitrag das Labor für Eye-Tracking im Studiengang Design- und Projektmanagement an der FH Südwestfalen vorgestellt. Es zeigt, wie ein strategischer Link entstehen kann – zwischen Lehre und Forschung, internen Kompetenzen und externer Sichtbarkeit. Prof. Dr. Ulrich Kern leitete das Labor bis Ende 2016 und resümiert seine Erfahrungen.

Die Balance der strategischen Einzelziele im Blick
Die strategische Modernisierung einer Hochschule hat viele Einzelziele gleichzeitig im Blick zu behalten. Ein Instrument wie die „Academic Balanced StrategyCard“ hilft dabei, die Methodik und Anwendungsfelder der Strategie zu strukturieren. „Balance“ ist hierbei ein wichtiges Stichwort. Drei Bereiche werden an der FH Südwestfalen in den strategischen Mittelpunkt gestellt und verknüpft: Studium und Lehre, Forschung und Transfer, Personal und Ressourcen. Voraussetzung ist dabei immer die Wissenschaftsfreiheit in Forschung und Lehre. Sie ist ein hohes Gut, das unabhängige Denk- und Forschungsrichtungen in den einzelnen Lehrgebieten garantiert. Das Beispiel des Eye-Tracking-Labors zeigt, wie ein konzeptionell fundierter Laboreinsatz individuelle Schwerpunkte der Lehre ermöglicht und zugleich strategische Ziele der Hochschule realisiert. Der Begriff des Labors könnte übrigens in anderen Studiengängen auch durch „Ateliers“ oder „Thinktanks“ ersetzt werden. Es geht um konkret benannte Anwendungsräume für die Verbindung von Reflexion und Handeln.

Das Labor als Link zwischen Forschendem Lernen und der Berufsbefähigung - die adäquate Didaktik gibt dem Studium den richtigen Kick!

Das Labor als Link zwischen Forschendem Lernen und der Berufsbefähigung – die adäquate Didaktik gibt dem Studium den richtigen Kick!

Aktives Mitgestalten statt nur passives Memorieren
Hochschullehrer haben es heute mit einer – zu Recht – anspruchsvolleren Generation von Studierenden zu tun. Als „Digital Natives“ sehen die Studierenden immer weniger ein, warum ihr Lernvermögen sich nur auf das passive Memorieren beschränken soll, wenn doch mit einem Klick ins Internet das Meiste nachzulesen ist. Wo bleiben das aktive Erproben und reflektierte Mitgestalten? Dazu kommen die abnehmenden Halbwertzeiten von Wissen in vielen Disziplinen. Die Bedeutung des deklarativen Lernens verschiebt sich hin zum prozeduralen Lernen, zur Selbstreflektion und zur Handlungskompetenz. Gerade in einem managementorientierten Studiengang wie Design- und Projektmanagement ist diese Art des Lernens essentiell. Die komplexen Aufgaben von Design- und Projektmanager/innen in einer interdisziplinären Praxis erfordern eine umfassende Persönlichkeitsbildung bereits im Studium. Es gilt, eigene Werte, Positionen und kritisches Denken auszubilden – ebenso die Fähigkeit zur Kooperation mit den unterschiedlichsten Menschen, von den ausgemachten Spezialisten bis hin zu den sogenannten Querdenkern. Es spricht also alles dafür, aus den Studierenden aktive, reflektierte Mitproduzenten ihres Wissens zu machen. Auch die Anforderungen der Arbeitswelt von Morgen erwarten genau diese Kompetenzen einer Berufsbefähigung.

Denominationsadäquates Curriculum - Verzahnung der Module im Studienverlaufsplan und "Monitoring" der Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden.

Denominationsadäquates Curriculum – Verzahnung der Module im Studienverlaufsplan und „Monitoring“ der Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden.

Eye-Tracking als Motivation für das „Forschende Lernen“
Als Laborleiter entwickelte ich daher einen Weg, um Eye-Tracking in die Lehrinhalte meiner Denomination „Design- und Produktmanagement“ zu integrieren. Es sollte als komplexe Technik und Tool zum “Forschenden Lernen“ motivieren. Hierbei handelt es sich um einen hochschuldidaktischen Ansatz aus den 1970er Jahren, der derzeit wieder hochaktuell ist (z.B. Ludwig Huber 2009). Die Besonderheit besteht darin, dass Studierende auf Basis bewährten Wissens selbstständig zu noch-nicht-gedachten Problemlösungen vordringen können. Konkret kam das Eye-Tracker-Labor in den Modulen „Produktgestaltung“ und „Designmanagement-Projekt 2“ zum Einsatz. Im Modul „Produktgestaltung“ wurden Ästhetik-Experimente für genderorientierte Nutzertypologien durchgespielt. Im Designmanagement-Projekt 2 waren eigene Forschungssequenzen zu Gestaltungseingriffen im Packungsdesign zu konzipieren, durchzuführen und auszuwerten.

Komplementäre Lehr- und Lernformen im Wechselspiel
Einen wesentlichen Beitrag zu dem nachhaltig hohen Studienerfolg leistete das Konzept komplementärer Lehr- und Lernformen. So führte der wissenschaftliche Mitarbeiter Julian Unzner in den technischen Part des Eye-Tracking-Labors ein und stellte die thematisch-methodische Anschlussfähigkeit zu den Vorlesungen und den Projektaufgaben her. Die studentische Arbeit im Labor war damit stets erkenntnisorientiert. Komplementär hierzu war die theoretische Auseinandersetzung mit den Vorlesungen, z.B. mit Planungsmodellen und wissenschaftlichen Konzepten, stets anwendungsbezogen. Die Team- und Projektorganisation wurde inhaltlich und zeitlich abgestimmt. Ein wöchentliches Monitoring überprüfte den Erarbeitungsstand der studentischen Teams in gemeinsamen Arbeitsbesprechungen mit Feedback.

Interne Kompetenzentwicklung und Sichtbarkeit nach Außen
Hervorzuheben ist, dass der wissenschaftliche Mitarbeiter dabei sein didaktisch-methodisches Know-how enorm entwickelte. Gleichzeitig wuchs er in die inhaltlichen Aufgaben der Projekte hinein und erweiterte beständig seinen Wissensradius. Neben der internen Kompetenzentwicklung stand auch die Sichtbarkeit der Projektergebnisse mit Eye-Tracking im Vordergrund. Sowohl der Prozess als auch die Ergebnisse der Forschenden Lehre wurden auf den Websites oder in den lokalen Medien vorgestellt. Die Studierenden selbst übernahmen dabei eine aktive Rolle. Sie lernten, ihr Portfolio zu reflektieren und sich selbst zu präsentieren.

Vom Reiz des akademischen Lernens
Das Eye-Tracking-Labor als Teil meiner Lehre in verschiedenen Modulen erhöhte den Reiz des akademischen Lernens für viele Studierende enorm. Ihre Fähigkeiten zur selbstständigen Problemlösung und zur Anwendung erlernten Fachwissens waren gefordert. Mit der hochschuldidaktischen Methode des „Forschenden Lernens“ wurde die Lücke zwischen reproduzierendem Lernen und generierendem Forschen geschlossen. Die Ergebnisse waren nicht nur erkenntnisreich, sondern vor allem zufriedenstellend für die Studierenden. Um es im Rückblick kurz zu sagen: Ein solches Lernen fordert viel, macht aber auch richtig Spaß – den Studierenden den richtigen Kick mitgeben! Und das gilt genauso für die Lehre. Auch in anderen Hochschulen scheint es übrigens eine stärkere Betonung der Laborarbeit zu geben. So berichtete erst kürzlich die FAZ online über so genannte „Lernfabriken“ z.B. des Karlsruher Instituts für Technologie KIT. Denn auch für angehende Maschinenbauer sei heute ein technisches Grundverständnis nicht mehr selbstverständlich (Uta Jungmann in FAZ.NET vom 14.02.2017).

Laborarbeit als strategischer Erfolgsfaktor
Im Rückblick halte ich den Einsatz des Eye-Tracking-Labors geradezu für einen Erfolgsfaktor des Studiengangs. Die Laborarbeit hat die Attraktivität des Studierens und die Bekanntheit des Studiengangs dpm erhöht. Gleichzeitig erhalten Partner der Wirtschaft einen Einblick, mit welchen Kompetenzen sie bei den dpm-Studierenden zu rechnen haben. Ein wesentlicher Aspekt im Rahmen der Personalentwicklung einer Hochschule ist zudem die Qualifizierung der Mitarbeiter. Gerade Hochschulen in der sogenannten „Provinz“ verfügen mit ihren Laboren über ein Potenzial, um sich als attraktiver Arbeitgeber darzustellen. Der Erfolg einer solchen strategischen Verzahnung eines Labors mit dem Ansatz der forschenden Lehre im Studiengang zeigt die Gestaltungsmöglichkeiten für Hochschule und Lehrende zum Nutzen der Studierenden auf. Insofern ist die als Experiment gestartete Integration des Labors für Eye-Tracking in die dpm-Lehre geglückt. Das Labor geht nun in andere Hände über…

Ein besonderer Dank dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Julian Unzner für sein großes Engagement im „Labor für Eye-Tracking“ und ebenso für seine intrinsische Motivation im Forschenden Lehren!

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