Hochschuldidaktik – im Blick der Designwissenschaften

 

Hochschuldidaktik -Kann sich eine moderne und partizipative Wissensgesellschaft überhaupt noch eine Hochschullehre nach „Altvätersitte“ leisten? Was sich wie eine Provokation liest, ist Ausdruck eines Diskussion zwischen Tradition der Lehre und Zukunft des Wissenschaftsbetriebs.

Hochschuldidaktik – Kann sich eine moderne und partizipative Wissensgesellschaft überhaupt noch eine Hochschullehre nach „Altvätersitte“ leisten? Was sich wie eine Provokation liest, ist Ausdruck eines Diskurses zwischen Tradition der Lehre und Zukunft des Wissenschaftsbetriebs.

Forschendes Lehren und Lernen: „The wider view“. Mit diesem programmatischen Titel findet vom 25. bis 27. September 2017 eine Tagung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster statt. Unterschiedliche Blickwinkel auf die hochschuldidaktische Methode des forschenden Lernens werden zusammenführt. Für die Designwissenschaften hat Ulrich Kern die Gelegenheit, als Referent über seine Erfahrungen mit dieser Methode in Design-Studiengängen zu berichten. Die Tagung, ausgerichtet vom Zentrum für Lehrerbildung an der Universität Münster, zielt auf eine fachübergreifende Perspektive. Schon die Wahl der Keynote-Speaker belegt dies. Neben dem Erziehungswissenschaftler Ludwig Huber (Prof. em. Uni Bielefeld), der das Konzept des Forschenden Lernens mitgeprägt hat, und der Professorin für universitäres Lehren und Lernen Gabi Reinmann (Uni Hamburg) werden die Fachwissenschaftler Klaus Langer (Pharmazeutische Technologie) und Nils Neuber (Sportwissenschaftler), beide von der Universität Münster, ihre Keynotes vorstellen. Die Sichten aus Hochschuldidaktik und Bildungswissenschaft, aus verschiedenen Fachwissenschaften und deren Fachdidaktik ergänzen sich zu einem erweiterten Horizont.

Raus aus dem Schatten der Fachwissenschaften!
Schon im Vorfeld der Tagung berichten die Organisatoren von einer erfreulich guten Resonanz auf das bundesweite Call for Papers-Verfahren. Vielleicht ein Zeichen, dass didaktische Fragen endlich aus dem Schatten der Fachwissenschaften heraustreten? An der Zeit ist es auf jeden Fall. Eine zunehmende Akademisierungsquote und oft überlastete Hochschulen stellen die Methodenfrage in der Lehre neu. Kann sich eine moderne und partizipative Wissensgesellschaft überhaupt noch eine Hochschullehre nach „Altvätersitte“ leisten?

„Entroutinisierung“ der Arbeitswelt
Eindrucksvoll ist doch auch der Wandel in der Arbeitswelt: Die digitalisierte Wirtschaft unter permanentem Innovationsdruck lässt ganz neue Berufsprofile entstehen und erwartet weit anspruchsvollere Qualifikationen und Kompetenzen als bisher. Nicht umsonst rangieren Kreativität und Problemlösungsfähigkeit von Mitarbeiter/innen ganz vorne auf der „Wunschliste“ vieler Arbeitgeber, wie etwa die aktuelle Studie „Soft Skills for Talent“ zeigt. „Mentales Know-how löst manuelles Know-how ab“, lautet eine zentrale Aussage der Studie der Personalberatung „Manpower Group“, für die fast 5000 Unternehmensvertreter in Europa befragt wurden. In Zukunft brauche es „flexible Denker“ in „entroutinisierten Umgebungen“, heißt es. Wie zeitgemäß ist demgegenüber eine Hochschullehre, deren zentrale Methode häufig noch auf passive Rezeption und Reproduktion vorhandenen Wissens ausgerichtet ist? Und wie effektiv ist eine Lehre, die alles Wissenswerte über Kreativität abstrakt vermittelt, statt es konkret anhand realer Probleme in die persönliche Kompetenzentwicklung der Studierenden zu integrieren?

Designkompetenzen - Die Zukunft der Professionalität und der akademischen Bildung von Designer/innen liegt in einer elaborierten "Zweispännigkeit" - Scientific Design und Artistic Design.

Designkompetenzen – Die Zukunft der Professionalität und der akademischen Bildung von Designer/innen liegt in einer elaborierten „Zweispännigkeit“ – Scientific Design und Artistic Design.

Hochschuldidaktisches Neuland: Interdisziplinäre Studiengänge
Komplementär zu dem Wandel der Arbeitswelt verzeichnen die sogenannten „kreativen“ Studiengänge einen großen Zulauf. Insbesondere bei Studierenden gefragt sind interdisziplinäre Studiengänge, die methodische Kreativität mit wissenschaftlichen Grundlagen verbinden. Ein Beispiel ist der Studiengang „Design- und Projektmanagement“, den Ulrich Kern (FH Südwestfalen) als Anwendungsbeispiel für das Prinzip des forschenden Lernens bei der Tagung in Münster vorstellen wird. Hierbei handelt es sich um einen Management-Studiengang, der – anders als „klassische“ BWL-Studiengänge – Design als kreative Problemlösungsdisziplin integriert.
Gerade Designmanagement ist dabei nach Erfahrung des Hochschullehrers Ulrich Kern ein prototypisches Anwendungsfeld für das forschende Lernen. In seiner Lehre, die stets einen Projektanteil ausweist, werden das hermeneutische „Verstehen“ einer komplexen, interdisziplinär grundierten Problemstellung und das heuristische, offene „Suchen“ einer kreativen Lösung zusammengeführt. „Scientific Design“ als Begriffssysteme der Innovation und „Artistic Design“ als Bilderwelten der Intuition ergänzen sich zu einem kognitiven Lernen und kreativ gesteuertem Forschen. Es bildet sich so allmählich professionelle Innovationskompetenz der Studierenden – eine zentrale Voraussetzung für Performanz in anspruchsvollen Berufen.

Hermeneutisches Verstehen und heuristisches Können = Performanz durch forschendes Lernen
Das Prinzip des Forschenden Lernens in der Designmanagement-Lehre erweist sich damit als exemplarisch für die zunehmende Zahl transdisziplinärer Studiengänge. Gerade das Entstehen neuer, vernetzter Lernfelder an Hochschulen wirft die hochschuldidaktische Frage der integrierten Vermittlung interdisziplinärer Lerninhalte auf. Transdisziplinär im eigentlichen Sinne wird die Lehre dann, wenn die kognitiven Wissensinhalte durch methodische KIK-Kompetenz – nämlich Kreativität, Innovation und Kommunikation (vgl. Kern 2000*) – zu intuitivem Erfahrungswissen werden. Dafür ist das forschende Lernen die ideale hochschuldidaktische Methode. Die Hypothese des Vortrags von Ulrich Kern lautet daher, dass durch das Konzept des forschenden Lernens eine sinnfällige Verbindung der interdisziplinären Lerninhalte mit einem hohen studentischen Erkenntnisgewinn und persönlichem Kompetenzzuwachs zu generieren ist.

Forschendes Lehren und Lernen - Während die Studierenden das didaktische Konzept als effektives und effizientes Lernen sehen, liegt die Herausforderung für den Lehrenden in der ständigen Aktualisierung seines Fachwissens und seiner Vorstellungskraft von Zukunft.

Forschendes Lehren und Lernen – Während die Studierenden das didaktische Konzept als effektives und effizientes Lernen sehen, liegt die Herausforderung für den Lehrenden in der ständigen Aktualisierung seines Fachwissens und seiner Vorstellungskraft von Zukunft.

Monitoring des eigenen Kompetenzlevels als Daueraufgabe
Allerdings muss konstatiert werden, dass für Lehrende der Einsatz des forschenden Lernens besondere Herausforderungen mit sich bringt. Nicht nur sind die Vorbereitung, Initialisierung und Betreuung des Prozesses anspruchsvoll. Dazu kommen auch Bewertungsprobleme der studentischen Leistungen.
Die Erfahrung aus Designmanagement-Projekten zeigt, dass sich Studierende auf Basis des forschenden Lernens häufig zu dem befähigen, was der Futurologe Hermann Kahn (1922 – 1983) als „Lernen aus der Zukunft“ bezeichnete. Design ist seinem Wesen nach ein beständiges Antizipieren von Neuem. Ein schematischer Vergleich der Kompetenzkurven der Studierenden und der Lehrenden soll dies verdeutlichen. Beispielhaft angenommen wird ein spezielles Projektthema, zu dem der Lehrende zunächst mit einem Kompetenzvorsprung aufgrund seines generellen fachwissenschaftlichen Profils startet. Nach einer langsamen Anlaufphase erreicht die studentische Kompetenzentwicklung – gerade durch das forschende Lernen in Teams – den Beschleunigungspunkt 1. Ab dem Moment ist der studentische Erkenntnisgewinn so dynamisch, dass ziemlich rasch die Kompetenzkurve über der des Lehrenden liegt. Der Lehrende vollzieht selbst das dynamische Lernen in den konkreten Aufgaben nicht mit. Seine Kompetenzkurve bleibt weitgehend unverändert. So wird für den Lehrenden das Problem virulent, Ergebnisse zu bewerten, deren Relevanz er nicht in jedem Detail einordnen kann. Dies erfordert eine gewisse persönliche Souveränität im Umgang mit dem intendierten Kompetenz-Gap. Notwendig ist auch die Bereitschaft des Lehrenden, durch innovative Impulse seine spezielle Themenkompetenz weiterzuentwickeln und wieder aufzuholen (s. Beschleunigungspunkt 2). Die Erfahrung aus der Designmanagement-Lehre zeigt jedenfalls, dass ein beständiges Monitoring des eigenen Wissens auch für den Lehrenden erforderlich ist.

Von der Reproduktion zur Innovation – eine Störung der Routine im Lehrbetrieb?
Dies ist nur ein schematisch skizzierter Prozess, der auf den eigenen Erfahrungen beim Einsatz des forschenden Lernens in einem interdisziplinären Studiengang beruht. Aber vielleicht kommen Berichte anderer Fachwissenschaften zu ähnlichen Ergebnissen? Und vielleicht empfindet es so mancher Lehrende als Wagnis, dass Studierende durch das forschende Lernen über die zertifizierten Grenzen einer Disziplin hinwegdenken? Auch wenn gerade die Entwicklung des „Noch-nicht-Gedachten“ der tiefere Sinn des Forschens ist, stört es möglicherweise die Routinen des Lehrbetriebs, wenn Studierende bei spezifischen, aktuellen Problemstellungen eigene, neue Erkenntnisse generieren. Es zeichnet sich so eine weitere anspruchsvolle Aufgabe im Lehrbetrieb ab, die nicht einfach zu meistern ist.
Auf der anderen Seite: Warum sollte gerade die Hochschullehre eine Insel der Routine bleiben, wenn „Entroutinisierung“ die gesamte Arbeitswelt prägt?
Die Ergebnisse der Tagung zum forschenden Lernen dürfen mit Spannung erwartet werden!

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