Designforschung – Wie lässt sie sich lehren und lernen?

 

Denken hat Konjunktur - Die aktuellen Studien zur Arbeitswelt und die sich wandelnden Berufskompetenzen verweisen in eine Richtung: ‚Bildung durch Wissenschaft‘ hat Priorität in einer Wissensgesellschaft, deren wirtschaftlicher Erfolg auf innovativen Leistungen beruht.

Denken hat Konjunktur – Die aktuellen Studien zur Arbeitswelt und die sich wandelnden Berufskompetenzen verweisen in eine Richtung: ‚Bildung durch Wissenschaft‘ hat Priorität in einer Wissensgesellschaft, deren wirtschaftlicher Erfolg auf innovativen Leistungen beruht.

Designwissenschaften: Können Bachelor-Studierende schon an das Thema der Forschung herangeführt werden? Für ein klares Ja spricht eine Reihe von Argumenten. Der folgende Beitrag erläutert die Position des Verfassers, Prof. Dr. Ulrich Kern, anhand seines forschungsorientierten Lehrkonzepts und des beispielhaften Moduls „Designmanagement-Projekt 2“. Dabei decken sich die persönlichen Erfahrungen aus der Lehre mit den wissenschaftlichen Befunden zur Entwicklung der beruflichen Anforderungen in der künftigen Arbeitswelt.

Lebenswelten, Designkonzepte und Wertesysteme
Sie heißen Andy und Tom, Michael und Phillip. Einige sind an einem traditionellen, andere an einem modernen Lebenskonzept orientiert. Sie sind verheiratet und fürsorgliche Familienväter oder leben für ihren Beruf. Die Lebenswelten heutiger Männer bieten viele Optionen – von klassisch bis metrosexuell. Mit diesen Prämissen starteten 46 Studierende im Sommersemester 2017 in ihr „Designmanagement-Projekt 2“ bei Prof. Dr. Ulrich Kern (FH Südwestfalen). Organisiert in 17 Teams, tauchten sie tief in die Lebenswelten, Designkonzepte und Wertesysteme ihrer Zielpersonen ein und erprobten dabei Methoden der Designforschung. Aufgabe und Ziel: Für eine (fiktive) Produktentwicklung, die sich an einen bestimmten Typus Mann richtet, ein Szenario der passenden Designqualitäten entwickeln. Diese Qualitäten sollten nicht pauschal auf eine anonyme Zielgruppe bezogen werden, sondern konkret-spezifisch auf einen personalisierten Vertreter. Das Profil der Zielperson, besonders seine psychografischen Kennzeichen, war mit den Kaufgründen für verschiedene Alltagsprodukte zu korrelieren, um so das notwendige Nutzenprofil der Produktentwicklung zu ermitteln. Als Ziel galt die schlüssige Verbindung zwischen den Selbstaussagen von Individuen und den produktsprachlichen Konzepten.

Das "Produkt" von Vorlesung und Übung - ein Booklet pro Team mit der Lebensgeschichte eines Mannes. Die imaginierte Lebenswelt der Zielgruppe wird seh- und begreifbar.

Das „Produkt“ von Vorlesung und Übung – ein Booklet pro Team mit der Lebensgeschichte eines Mannes. Die imaginierte Lebenswelt der Zielgruppe wird sicht- und begreifbar.

Designforschung im sozialwissenschaftlichen Kontext
Warum eine solche komplexe Aufgabenkonstruktion für das Designmanagement-Projekt? Dem Lehrenden, Ulrich Kern, geht es um eine multiperspektivische Berufsbefähigung der Studierenden. Und das mit gutem Grund. Denn das kreative und wissenschaftliche Arbeiten in inter- und transdisziplinären Teamprozessen gilt als konstitutiv für Zukunftsaufgaben. Das ergeben Studien aus unterschiedlichen Blickwinkeln. So heißt es in dem Bericht über „The Future of Jobs“ des World Economic Forum (2016), dass die Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen, zu einer Schlüsselkompetenz in nahezu allen Bereichen der Wirtschaft wird. Als ebenso zentral gelten soziale Kompetenz, Kreativität, aktives Zuhören und kritisches Denken. Die Kombination dieser Kompetenzen entspricht ziemlich genau dem Prozess des Forschens in einer transformierten Wissenschaft und Wirtschaft. ‚Forschendes Lehren und Lernen‘ wird damit an Hochschulen – gerade mit kreativen Studiengängen – das Lehrformat erster Wahl.

Wissenschaft und Forschung als „natürlicher Lebensraum“
In einer anderen Studie zum „Arbeitsmarkt 2030 – Wirtschaft und Arbeitsmarkt im digitalen Zeitalter“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales ist die Rede von einer ´Verwissenschaftlichung´ der Arbeit, die sich in neuen Berufsstrukturen zeigt. Während Arbeit in digitalisierbaren Tätigkeitsfeldern künftig entfallen wird, kommt es zu einem „verstärkten Bedarf an koordinierenden, forschenden, kommunikativen, kreativen und entscheidungsintensiven Tätigkeiten.“ Grund genug für die Lehre im Designmanagement bei Ulrich Kern, den Anteil des repetitiven Wissens im Lehrkonzept zu konzentrieren und die Freiräume für das studentische Generieren eigenen Wissens auszubauen. Hierzu gehört auch, die Ehrfurcht der Studierenden vor der hehren Wissenschaft und Forschung umzulenken in ein realistisches Selbstkonzept der eigenen Wirksamkeit. Denn Wissenschaft und Forschung werden künftig zu dem „natürlichen Lebensraum“ in zahlreichen Berufen gehören. So finden sich viele der Absolventen des Studiengangs Design- und Projektmanagement in neuen Berufsprofilen wieder, bei denen die Problemlösungsfähigkeit für komplexe Projekte an erster Stelle steht.

Designforschung als Curriculum -‚Forschendes Lehren und Lernen‘ ist für Hochschulen mit kreativen Studiengängen das Lehrformat erster Wahl. Wird doch die „zweite Digitalisierungsphase“ die Verwissenschaftlichung der Arbeitswelt fortsetzen.

Designforschung als Curriculum -‚Forschendes Lehren und Lernen‘ ist für Hochschulen mit kreativen Studiengängen das Lehrformat erster Wahl. Wird doch die „zweite Digitalisierungsphase“ die Verwissenschaftlichung der Arbeitswelt fortsetzen.

Wie aus Lernen Forschen wird
Wie plant man also ein Lehrformat für eine multiperspektivische Berufsbefähigung, deren Praxisprofil sich nur diffus abzeichnet? Indem man das Diffuse zum Normalfall und das „Out-of-the-Box“-Denken zum Prinzip seines Lehrkonzepts erklärt. Das manifestiert sich in Studienprojekten, deren Problemstellung eine ergebnisoffene Prozessentwicklung initiiert. Erforderlich hierfür ist die Wahl eines forschungsnahen Projektthemas, das über Affinität und Konnektivität zu den erforderlichen Kompetenzen der Studierenden verfügt. So hat das Projektthema der Männertypen zahlreiche Anknüpfungspunkte an das interdisziplinäre Kontextwissen der Studierenden im Design- und Projektmanagement. Indem die Studierenden es zu „ihrem“ Thema machen, werden sie zu aktiven Co-Produzenten von Wissen. Aus Lernen wird Forschung. Lehrende und Studierende agieren auf Augenhöhe. So wird eingangs mit den Studierenden das Briefing für ihr „Forschungsprojekt“ verhandelt, nicht etwa verordnet. Das Partizipationsprinzip zeigt sich auch in der Zusammensetzung der einzelnen Teams und der Bearbeitung ihrer Themen im Selbstmanagement. Es gibt einen flexiblen Rahmen, der differenzierte Erkenntniswege integriert. Wichtig ist die Organisation des Monitoring. Der Lehrende ist nicht Kontrolleur, sondern Mentor und zeigt deutlich sein Interesse an den verschiedenen Prozessschritten in der Erkenntnisgenese „seiner“ Studierenden. Diese Besprechungen zum Arbeitsfortschritt finden nicht im „Face-to-Face“-Modus statt, sondern im Plenum aller Studierenden. Daher lernen die Teams auch voneinander. Die am Ende des Semesters angesetzte Ergebnis-Präsentation steht zum einen unter dem Aspekt der (selbst-)kritischen Reflexion der erreichten Erkenntnisse. Zum anderen geht es auch darum, die Arbeitsergebnisse nach außen zu tragen. So geht es nicht nur um Teilhabe am Forschen und wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, sondern auch um den Spaß in motivierten Teams und den Stolz auf die gemeinsame kreativ-wissenschaftliche Leistung.

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