Lehre und Forschung – Designwissenschaften auf Augenhöhe

 

Design neu denken - Um einen breiten Blickwinkel auf das innovative Lern- und Lehrformat ging es bei der Tagung „The wider view“ an der WWU Münster Ende September 2017. Mit über 300 Teilnehmern aus Hochschulen stieß die Veranstaltung auf eine ungewöhnlich hohe Resonanz. Ein Bericht von Petra Kern.

Design neu denken – Um einen breiten Blickwinkel auf das innovative Lern- und Lehrformat ging es bei der Tagung „The wider view“ an der WWU Münster Ende September 2017. Mit über 300 Teilnehmern aus Hochschulen stieß die Veranstaltung auf eine ungewöhnlich hohe Resonanz. Ein Bericht von Petra Kern.

Forschendes Lehren und Lernen: Das didaktische Format steht in Hochschulen hoch im Kurs. Das bewies die dreitägige Veranstaltung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, die vom 25. bis 27. September 2017 mit über 300 Teilnehmern stattfand. Als Teilnehmer der Tagung verfolgten wir (Petra Kern, Ulrich Kern) intensiv geführte Diskussionen, wie das innovative Lern- und Lehrformat Eingang in die verschiedensten Fachwissenschaften findet. Für seine Lehre in Design und Management stellte Prof. Dr. Ulrich Kern (FH Südwestfalen) in seinem Vortrag „fünf Thesen zur Entwicklung einer kreativ-wissenschaftlichen Problemlösungskompetenz mit Forschendem Lernen und Lehren (FLL)“ vor. Die Hauptaussagen stellt Petra Kern im Folgenden in den Kontext wesentlicher Diskussionen der Tagung.

Qualität der Lehre -In fünf Thesen formulierte Ulrich Kern für die Designwissenschaft seine zentralen Argumente für den Einsatz des Forschenden Lernens und Lehrens.

Qualität der Lehre – In fünf Thesen formulierte Ulrich Kern für die Designwissenschaften seine zentralen Argumente für den Einsatz des Forschenden Lernens und Lehrens.

These 1: Forschendes Lernen ist das richtige Format für breite berufliche Perspektiven!
Ein Studiengang wie Design- und Projektmanagement, in dem der Referent Ulrich Kern lehrt, gehört zu der wachsenden Zahl interdisziplinärer Angebote. Solche so genannten Bindestrich-Studiengänge zielen auf breite berufliche Felder, die sich dynamisch entwickeln und nicht eindeutig abgrenzen lassen. Die Studienschwerpunkte und die beruflichen Ziele der Studierenden sind äußerst heterogen – von Spezialisten für Design, Marketing oder Produktentwicklung bis zu Generalisten für Managementprozesse. Auch die Lehre braucht daher eine entsprechende Vielseitigkeit. Diese bietet das Format des Forschenden Lernens. Den gemeinsamen Nenner der vielseitig differenzierten studentischen Profile bildet die Fähigkeit zum forschungsnahen Lernen. Die Lehre im Design und Management folgt keinem fixierten Pflichtprogramm, sondern ist ein von Studierenden mit zu gestaltendes Lernfeld.
Die Tagung in Münster verdeutlichte, dass auch ein klassisches „Lernstudium“ wie Pharmazie mit vergleichbaren Effekten das Forschende Lernen integriert. In seiner Keynote stellte Prof. Dr. Klaus Langer (Uni Münster) die bundesweit einmalige „Pharmschool“ vor. Hier werden Studierende der Pharmazie an ein teamorientiertes Forschen in Vernetzung der pharmazeutischen Einzeldisziplinen herangeführt. Sie gewinnen so schon im Studium praxisnahe Erkenntnisse für berufsrelevante Forschungsfragen.

These 2: Eine forschungsnahe Lehre bedingt ergebnisoffene Probleme und Prozesse!
Die Lehrenden geben damit, wie Ulrich Kern für seine Design- und Managementlehre erläuterte, ihre überlegene Wissensposition auf. Sie arbeiten mit den Studierenden auf Augenhöhe. Möglicherweise wird ihre Themenkompetenz – je nach Projekt- und Lernfortschritt – sogar zeitweise überfordert. Dies ist durchaus intendiert, allerdings müssen die Lehrenden ihre Bewertungskriterien entsprechend anpassen. Denn beim Forschenden Lernen können keine vorab präzisierbaren Ergebnisse als Erkenntnisziel formuliert werden. Es geht vielmehr um komplexe Lernprozesse, die zu einem vorab nicht-bestimmbaren Ergebnis führen. Für eine Professionalisierung in Design und Management ist dies eine zielführende Vorgehensweise. Die zunehmende Verwissenschaftlichung der Arbeit bedingt berufliche Aufgaben, die immer häufiger komplex, offen und unscharf sind. Lösungsansätze erfordern damit eine Vielfalt an Methoden und wissenschaftlichem Wissen, meist interdisziplinärer Art, sowie eine experimentell-spielerische Arbeitsweise.
Eine vergleichbare Entwicklung stellte Björn Senft, M.Sc. (Universität Paderborn) für die Informatik dar. Eine Disziplin, die eigentlich auf streng mathematischen Beweisen fußt, aber in Folge des digitalen Wandels immer häufiger auf unübersichtliche Kundenprobleme stößt. Erwartet werden Problemlösungen, die sich vorab nur vage umreißen lassen. Durch Forschendes Lernen erforschen die Informatik-Studierenden in Teams den Softwareentwicklungsprozess anhand einer konkreten, komplexen Aufgabe. Zum Einsatz kommt dabei übrigens auch die aus dem Design stammende Innovationsmethode des Design Thinking.

These 3: Forschendes Lernen braucht ein Programm mit erkennbarer Progression im Studienverlauf!
Das Postulat, wie es Ulrich Kern in seinem Vortrag thematisierte, berührt die zentrale Frage, wie sich die Entwicklung einer forschenden Grundhaltung als Teil der studentischen Persönlichkeitsbildung und Professionalisierung in das Studium integrieren lässt. Für seine eigene Lehre im Design und Management lautet die Antwort, dass er die Studierenden in jedem Semester mit jeweils einem Modul nach dem Konzept des Forschenden Lernens durch ihr Studium begleitet. Dabei wächst der Anspruch an eine komplex-interdisziplinäre Professionalisierung im Studienverlauf an bis hin zu der Befähigung, im Rahmen der Bachelor-Thesis ein wissenschaftlich und berufspraktisch relevantes Thema forschend durchdringen zu können.
Die Frage, wie sich das Forschende Lernen im Curriculum im Sinne einer Lernprogression verankern lässt, ist für viele Disziplinen elementar, wie die Tagung zeigte. Für die Sportlehrerbildung betonte Prof. Dr. Nils Neuber (Uni Münster) in seiner Keynote die Relevanz dieses Aspektes. Ein weiteres konkretes Beispiel ist die PH Weingarten, an der seit 2015 die Neustrukturierungen des Lehramtsstudiums im Sinne einer curricularen Integration des Forschenden Lernens im Gange sind. Allerdings sind offenbar im Vergleich der Hochschulen solche Studiengänge noch immer Vorreiter für ein curricular verankertes Forschendes Lernen. Die Referentin Teresa-Marie Stang (FH Potsdam) berichtete aus dem aktuellen Forschungsprojekt „Formate“, das die Umsetzung forschungsnaher Veranstaltungen an 17 ausgewählten deutschen Hochschulen erhebt. Es deutet sich der Schluss an, dass derzeit noch die einmaligen Projekte des Forschenden Lernens in den Hochschulen überwiegen, wie Prof. Dr. Ludwig Huber (em. Uni Bielefeld) in seiner Keynote anmerkte.

These 4: FLL fördert die sich entwickelnde Persönlichkeit und ihre wachsende Professionalität!
Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit ist ein wesentliches Erfolgsmerkmal des Forschenden Lernens, wie Ulrich Kern mit Blick auf die Studierenden im Design und Management formulierte. Die Abschluss-Präsentationen seines forschungsnahen Lehrangebots finden grundsätzlich im Plenum und häufig mit Vertretern externer Praxispartner und der Presse statt. Die Studierenden nehmen die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse zu einem großen Teil selbst in die Hand, z.B. in Erstellung von Katalogen, Fachaufsätzen oder Presseartikeln. Mit Publikationen solcher Art verweisen Studierende auf den von ihnen faktisch erreichten Leistungsstand und ihre Kompetenzen einer Employability – ganz unabhängig von der üblichen Benotung.

Forschendes Lehren und Lernen - Die besondere Eignung dieses didaktischen Prinzips für angehende Design- und Projektmanager/innen liegt – wie Ulrich Kern ausführte – in der Passung der Merkmale des Lernformats mit den zunehmend komplexen, ergebnisoffenen und unbekannten Aufgaben in der beruflichen Praxis.

Forschendes Lehren und Lernen – Die besondere Eignung dieses didaktischen Prinzips für angehende Design- und Projektmanager/innen liegt – wie Ulrich Kern ausführte – in der Passung der Merkmale des Lernformats mit den zunehmend komplexen, ergebnisoffenen und unbekannten Aufgaben in der beruflichen Praxis.

These 5: FLL-Studienprojekte brauchen eine flexible Planung für Studierende mit ihren heterogenen Voraussetzungen und individuellen Talenten!
Die Studierendenschaft wird immer heterogener. Besonders augenfällig wird dies in interdisziplinär orientierten Studiengängen, wie Ulrich Kern für seine Lehre in Design und Management ausführte. Der Bildungsabschluss, der Stand des Vorwissens und die individuellen Potenziale lassen sich kaum mehr auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Das Format des Forschenden Lernens bietet die notwendige Flexibilität, um die Studierenden dort „abzuholen“, wo sie mit ihren individuellen Stärken und Schwächen stehen. Es ermöglicht z.B., differenzierte Forschungsinteressen und individuelle Potenziale zu integrieren. Die gemeinsamen Lernprozesse fördern eine aktive Zusammenarbeit und die Entwicklung sozialer Kompetenz sowie Teamleistung.

Forschen als „Prüfstein“
Die Vorstellung der fünf Thesen im Kontext der Tagungsdiskussionen lässt einen Schluss zu:
Die am Konzept des Forschenden Lernens ausgerichtete Lehre im Design und Management befindet sich auf Augenhöhe mit anderen Fachwissenschaften. Voraussetzung ist eine Klärung des Forschungsbegriffs für die eigene Lehre. Entwurfsorientierte Disziplinen wie Design und Architektur meiden aber oft die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Forschung. Sie ziehen sich ganz auf ihre so genannte Praxis zurück. So berichtete Prof. Dr. Carola Ebert in ihrem Vortrag aus der Architekturlehre, dass hier überwiegend die subjektiv-individuell geprägte Entwurfslehre im Vordergrund steht. Aufgrund der uneinheitlichen Definition von architektonischer Forschung sind Formate wie das Forschende Lernen bis dato am häufigsten in so genannten „Nebenfächern“ anzutreffen. Im Design lässt sich eine analoge Tradition feststellen, auch wenn sich inzwischen die fachwissenschaftliche Diskussion für neue Perspektiven des Forschens öffnet. Umgekehrt ergänzt sich inzwischen auch der klassische, naturwissenschaftlich geprägte Forschungsbegriff um Erkenntnismethoden aus Design, Architektur und Kunst, wie Prof. Dr. Gabi Reinmann in ihrer Keynote nachwies. „Fachsensible“ Forschungsbegriffe sind gefordert.

Fazit: Designwissenschaften auf Augenhöhe
Wenn sich eine noch junge Disziplin wie die Designwissenschaften in den Wettbewerb um Forschungsprojekte, Drittmittel und wissenschaftliche Reputation begibt, muss sie auch Vergleichbarkeit ermöglichen. Diese entsteht vor allem durch die Teilhabe an einer disziplinen-übergreifenden Entwicklung des Forschungsbegriffs. Eine Auseinandersetzung mit dem Format des Forschenden Lernens und Lehrens bietet hierfür beste Voraussetzungen. Die Tagung an der Universität Münster belegt dies.

Ein Tagungsband der Veranstaltung „Forschendes Lernen – The wider view“ ist in Vorbereitung durch das Zentrum für Lehrerbildung an der Universität Münster.

Download Vortragsskript „Fünf Thesen zur Entwicklung einer kreativ-wissenschaftlichen Problemlösungskompetenz mit FLL“ _ Ulrich Kern 2017

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