Wissenschaft und Gesellschaft – 5 Trends einer Zeitenwende?

 

Fünf Trends markieren das aktuelle, spannungsreiche Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft im Zeichen einer Zeitenwende.

Fünf Trends markieren das aktuelle, spannungsreiche Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft im Zeichen einer Zeitenwende.

Wissenschaftsmarketing: Eine Vertrauenskrise herrscht zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Was ist zu tun? Diese Frage berieten die Teilnehmer/innen der Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft – Wie geht es weiter nach dem March for Science?“ am 25./26.10.2017 in Hannover. Wie sehr das Thema den Nerv der wissenschaftlichen Community trifft, erfuhren wir (Petra Kern / Ulrich Kern) als Teilnehmer der Tagung, die auf Einladung der Volkswagen-Stiftung stattfand. Unsere Eindrücke bündeln wir im Folgenden zu fünf Trendaussagen. Diese Entwicklungen werden nach unserer Einschätzung das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft in Zukunft umdefinieren und neue Lösungsansätze von der Wissenschaft bzw. den Wissenschaften einfordern.

Die Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft“ war ausgebucht und hochkarätig besetzt. Ein klares Signal, dass die gesellschaftliche Vertrauenskrise der Wissenschaft niemanden kalt lässt.

Die Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft“ war ausgebucht und hochkarätig besetzt. Ein klares Signal, dass die gesellschaftliche Vertrauenskrise der Wissenschaft niemanden kalt lässt.

Vertrauenskrise der Wissenschaft – ein Thema, das alle angeht
Schon die Teilnehmerliste zeigte, dass das Problem keinen kalt lässt. Vertreten waren die Organisationsspitzen von Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft über die namhaften Stiftungen bis zu Hochschulleitungen, Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen, Wissenschaftsjournalisten und Kommunikationsfachleute. Ebenso dabei waren die Initiatoren des „March for Science“. Sie wurden geehrt für ihr Engagement, mit dem sie für den Erhalt der wissenschaftlichen Freiheit eingetreten sind. Als Teil der Zivilgesellschaft haben Wissenschaftler das Recht und die Pflicht, für die Werte der Gesellschaft einzutreten, so die Begründung.

Trend 1: Vom singulären „Heroen“ der Wissenschaft zu den vielen Ko-Produzenten von Wissen
Wissenschaftliche Leistungen entstehen nicht mehr durch die Arbeit einzelner Ausnahme-Persönlichkeiten in einzelnen Disziplinen, sondern im kooperativen, oft interdisziplinären Handeln von vielen Akteuren. Das gilt für die Wissensproduktion in den staatlichen wissenschaftlichen Institutionen wie Hochschulen und Forschungsinstitute, aber genauso für die privatwirtschaftlich finanzierte Forschung. Ganz besonders gilt die Aussage für die Mitwirkung der Öffentlichkeit an Wissenschaft – Stichwort Citizen Science oder Open Innovation. Dass die Wissenschaften tief in die Gesellschaft diffundieren, ist an sich kein überraschendes Phänomen – bei einer Akademisierungsquote von inzwischen 40 Prozent der schulischen Absolventen eines Jahrgangs. Die frühere Vorstellung einer kleinen wissenschaftlichen Elite und einer breiten Öffentlichkeit von wissenschaftsfernen Laien ist schon längst überholt. Die Wissensgesellschaft trägt ihren Namen mit gutem Grund. Die Teile der Gesellschaft, die mit Wissenschaft in Berührung kommen, werden größer. Die Orte der Wissensproduktion nehmen zu, die Verwissenschaftlichung der Arbeitswelt wächst, das Tempo für die Entstehung und Verbreitung neuen Wissens hat rapide zugelegt. Aber warum wächst zugleich in der Gesellschaft der Argwohn gegenüber den Motiven der Wissenschaft, wie der Wissenschaftsbarometer 2017 belegt? Könnte es sein, dass sich die vielen hochspezialisierten Expertenzirkel abkoppeln und eine dynamische Eigenlogik entwickeln – unabhängig von einer demokratisch legitimierten Diskussion über Sinn, Nutzen und Werte ihrer Wissenschaft und Forschung?

Trend 2: Von der Ergebnispräsentation zu einer Prozessdiskussion von Wissenschaft
Wenn Wissenschaft von vielen Beteiligten getragen wird, dann muss es über den Prozess des wissenschaftlichen Produzierens eine Diskussion und Verständigung geben. Und genau dieses Explizieren und Argumentieren des wissenschaftlichen Prozesses in der Öffentlichkeit macht den Unterschied zu einer Wissenschaft, die in hermetischer Abgeschiedenheit ihre Ergebnisse produziert und als nicht-hinterfragbar präsentiert. Mangelnde Transparenz von Wissenschaft macht misstrauisch, zum Bespiel gegenüber den dahinter stehenden Motiven, Interessen und Finanzierungsquellen. Die Offenlegung, warum, von wem, mit welchen Zielen und welchen Methoden geforscht wird, schafft dagegen Transparenz und bestenfalls auch gesellschaftliche Teilhabe am Prozess. Laut dem Wissenschaftsbarometer 2017 wünschen sich rund 56 Prozent der Befragten, dass Bürger schon an der Formulierung von Forschungsfragen beteiligt werden. Ist das nicht ein durchaus legitimes und folgerichtiges Ansinnen in einer Wissensgesellschaft?

Trend 3: Von Universalgelehrten zu einer lebenslang lernenden Community auf innovativen Wissensfeldern
Wenn Wissenschaft ein Prozess ist, dann muss das wissenschaftliche Prozesswissen ständig erneuert und erweitert werden. Das gilt auch für die Wissenschaftler. Das frühere Bild der Universalgelehrten, die über enzyklopädisches Weltwissen verfügen, ist in Zeiten des exponentiell wachsenden, interdisziplinären Wissens hinfällig. Lebenslanges Lernen ist nicht nur ein Postulat für die übrige Arbeitswelt, sondern gilt genauso für die Wissenschaftler – sowohl innerhalb ihrer Wissensterritorien, als auch an deren interdisziplinären Rändern und darüber hinaus. Gerade außerhalb der eigenen Fachexpertise gilt es blinden Flecken vorzubeugen, so genannten „bias“. Die Wissenschaftsgeschichte ist voll mit Beispielen, wie innovierende Fragestellungen zunächst als unwissenschaftlich und gesellschaftlich irrelevant zurückgewiesen wurden – Stichwort „Genderforschung“. Zeigt das nicht deutlich genug, dass Wissenschaft nicht über der gesellschaftlich konstruierten Realität steht?

Trend 4: Von einer additiven Wissenschaftskommunikation zu einem integrierenden Wissenschaftsmarketing
Die entscheidende Zukunftsaufgabe der Wissenschaft, gesellschaftliches Vertrauen zurückzugewinnen, lässt sich nicht auf die Wissenschaftskommunikation delegieren. Der in der Vergangenheit häufig praktizierte Ansatz, die Kommunikation als Vermittlungsinstanz zwischen Wissenschaft und Gesellschaft einzuschalten, greift zu kurz. Das Vorgehen entlässt die Wissenschaft aus der Verantwortung, schon zu Anfang ihrer Arbeit die Dimension der gesellschaftlichen Relevanz, von Sinn und Nutzenwirksamkeit mitzudenken. Ein passgenaueres Konzept für diese Aufgabe stellt das Marketing im generischen Sinn dar – als das Leitbild für einen Austausch zwischen den Beteiligten, den Wissenschaftlern und den gesellschaftlichen Anspruchsgruppen, zum Wertgewinn beider Seiten. Deutlich wird bei dem Konzept von Wissenschaftsmarketing, dass es um eine symmetrisch angelegte Relation geht, die einen Austausch von Leistungen und Gegenleistungen mit beiderseitigem Nutzen auf freiwilliger Basis vereinbart. Deutlich macht ein solches Marketing weiterhin, dass auch Wissenschaft auf einem gesellschaftlichen Wertekanon beruht, eigene Ziele verfolgt, Anspruchsgruppen identifiziert und Interaktionsformen generiert. Warum sonst entstanden die vielen Demonstrationsformate beim „March for Science“, der sich für den Erhalt der wissenschaftlichen Freiheitswerte in der demokratischen Gesellschaft einsetzte?

Trend 5: Von der Vertrauenskrise zu einer normativen Transformation von Wissenschaft
Die eigentliche Vertrauenskrise der Wissenschaft steht noch bevor, so die Befürchtung vieler Teilnehmer der Tagung. Einen Weg zurück gibt es nicht mehr, auch darin war man sich einig: Kein Rückzug in die „reine Wissenschaft“, keine Rückbesinnung auf die angeblich neutrale Rolle als „Hüter der Wahrheit“ und keine Strategie des „mehr desselben“. Stattdessen werden künftig Wissenschaftler/innen auch normative Beiträge zur Gesellschaft zu leisten haben. Sie werden ihre wissenschaftliche Identität neu bestimmen, ihre Komfortzonen verlassen und das Heft des Handelns in die Hand nehmen müssen. Dafür werden sie zu lernen haben, wissenschaftliches Wissen auf sich selbst, auf ihre Lehre und Forschung sowie auf die Entwicklung ihrer Institutionen anzuwenden. Auch wenn noch viel Nicht-Wissen über das besteht, was zu leisten ist, wie es im Resümee der Tagung hieß – nichts weniger als eine normative Transformation von Wissenschaft zeichnet sich ab.

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