Trend Interdisziplinarität – Crossover der Wissenschaften?

 

Fachwissenschaftliche Grenzen entspringen dem menschlichen Bedürfnis nach Struktur, aber nicht der Realität. Hier zählen die interdisziplinären Perspektiven angesichts global vernetzter Probleme mehr denn je.

Fachwissenschaftliche Grenzen entspringen dem menschlichen Bedürfnis nach Struktur, aber nicht der Realität. Hier zählen die interdisziplinären Perspektiven angesichts global vernetzter Probleme mehr denn je.

Designwissenschaften: Dass es interdisziplinäres Denken, Lernen und Arbeiten gibt, wird allgemein konstatiert. Dass es im Zeitalter der global vernetzten Probleme eigentlich eine drängende Lösungskompetenz darstellt, ist auch Konsens. Wie sich aber das interdisziplinäre Handeln vollzieht und wie es in der Hochschule wirksam zu implementieren ist, ist größtenteils noch nicht erforscht. Der folgende Beitrag untersucht das Interdisziplinäre mit dem Fokus auf das Design – möglicherweise bereits der Prototyp einer „Interdisziplin“, wie wir – Petra Kern und Ulrich Kern – denken.
Über 19.000 Studiengänge listet der Hochschulkompass derzeit. Er weist eine von Jahr zu Jahr wachsende Zahl aus. Kritik daran wird laut, so z.B. dass das Wissensangebot immer kleinteiliger werde, statt das große Ganze in den Blick zu nehmen (s. Zeit vom 26.10.2017: „Wer braucht Designpädagogen?“). Dem gegenüberstellen lässt sich aber ein gegensätzlicher Befund. Viele der neuen Studienangebote werden nicht kleinteiliger, sondern querschnittlicher. Sie denken Konzepte über Disziplinen hinweg in die generalistische Breite und nicht in die spezialisierte Tiefe.

Querschnittlich statt kleinteilig
Am Beispiel des Designs lässt sich dieser Trend nachweisen. Auch hier ist die Zahl der Studiengänge stark gestiegen. Über 560 Angebote listet der Hochschulkompass zu dem Stichwort Design. Aber nicht die Zahl der klassisch entwurfszentrierten Studiengänge hat zugenommen, sondern die Zahl der so genannten Bindestrich-Studiengänge. Die Kombination reicht von Informatik & Design über Bionik & Design bis hin zu Management & Design. Gemeinsames Merkmal dieses Phänomens ist der Anspruch eines synthetisierenden Lehrplans, der disziplinäre Grundlagen zu einem interdisziplinären Wissenshorizont verbindet. Damit einher geht das Ziel einer integrierten Problemlösungskompetenz, die angesichts von fachlichen Grenzen nicht kapituliert, sondern darin versiert ist, interdisziplinäre Denkansätze in kooperativen Prozessen für komplexe Probleme zu entwickeln. Gerade eine solche Fähigkeit wird auch von Seiten einer zunehmend komplexeren und verwissenschaftlichten Berufswelt erwartet. Doch wie entsteht eine interdisziplinäre Kompetenz?

„Disziplinlosigkeit“ ohne Tradition
Die neuen Bindestrich-Studiengänge haben keine akademische Tradition. Sie beruhen demnach auch nicht auf einem ausgehandelten Konsens über das Verständnis von Wissenschaft, Forschung und Methoden oder über kanonisierte, zertifizierte Lehrinhalte. Doch ein solches Verständnis benötigen die Studiengänge schnellstmöglich, um nicht im Wettkampf um die Deutungshoheit der Einzeldisziplinen zerrieben zu werden. Denn interdisziplinäre Studiengänge sind Wagnisse. Sie müssen vor allem der Kritik zuvor kommen, dass sie von allem etwas, aber nichts Richtiges vermitteln. Auch fachwissenschaftliche Hochschullehrer/innen stehen häufig selbst zunächst skeptisch interdisziplinären Studiengängen gegenüber. Sie sind genauso von der Relevanz und Praktikabilität der Konzepte zu überzeugen (vgl. Zeit 8-5-2014: „Und was studierst du? KuMuMe!“).

Gemeinsame, innovierende Methoden statt eines „Clash of Sciences“
Entgegenzuhalten ist solcher Kritik ein Curriculum, das die Studienmodule der beteiligten Einzeldisziplinen integriert und nicht nur addiert. Die Frage nach den Methoden ist hier entscheidend. Welche Denk-, Erkenntnis- und Forschungsmethoden bestehen in den Disziplinen? Mit welchen Unterschieden? Wie lassen sich die interdisziplinären Reibungsflächen für innovierende Ansätze nutzen? Und wie kann daraus wiederum ein Auszeichnungsmerkmal des Studiengangs entstehen? Hierbei ist sorgsam vorzugehen. Denn mit Blick auf die Wissenschaftsgeschichte ist oft von „zwei Kulturen“ oder von „zwei Welten“ die Rede (s. FAZ vom 2.12.2008 und 4.11.2017), wenn z.B. nur die Frage nach einer Zusammenarbeit von Geistes- und Naturwissenschaften gestellt wurde. Wie viel komplizierter wird es bei einer Kooperation mit vielen unterschiedlichen Disziplinen? Wie lässt sich ein „Clash of Sciences“ vermeiden?

Vom Nutzen einer Metatheorie
Neben den Curricula der Studiengänge braucht es auch so etwas wie eine Metatheorie des Interdisziplinären. Auszuarbeiten ist ein konzeptioneller Begründungsrahmen für die Notwendigkeit und Wirksamkeit des Interdisziplinären in Lehre und Forschung. Denn es geht ja nicht allein darum, das neue Studienangebot zu argumentieren, sondern vor allem für die zukünftigen Erkenntniswege einer interdisziplinär agierenden Wissenschaft zu motivieren. Die Notwendigkeit hierfür besteht zweifelsfrei. Ein Blick auf die lange Liste virulenter gesellschaftlicher Probleme – von Klimawandel über Globalisierung bis hin zu Migrationen – zeigt, dass keine der so genannten „Grand Challenges“ von nur einer Disziplin gelöst werden kann. Die Realität hält sich nicht an Ressorts und fachliche Grenzen – weder der Wirtschaft, noch der Wissenschaft. Es braucht vielmehr interdisziplinäre Teams mit transformativen Methoden und einem kreativen Wissenschaftsverständnis.

Design als „Interdisziplin“ verlinkt sich mit den Erkenntnisweisen komplementärer Disziplinen und schafft so Allianzen, gemeinsame Untersuchungsfelder und Aktionsräume – mit dem Fokus auf eine normativ antizipierte Zukunft.

Design als „Interdisziplin“ verlinkt sich mit den Erkenntnisweisen komplementärer Disziplinen und schafft so Allianzen, gemeinsame Untersuchungsfelder und Aktionsräume – mit dem Fokus auf eine normativ antizipierte Zukunft.

Wesen einer „Interdisziplin“
Eine Interdisziplin lässt sich beschreiben als eine Disziplin, die jenseits ihres eigenen Wesenskerns mit vielen „Rezeptoren“ für die Signale anderer Wissenschaften ausgestattet ist und statt disziplinärer Grenzen über durchlässige „Membranen“ verfügt. So können Interdisziplinen an anderen Wissenschaften andocken und wieder neue disziplinäre Kerne bilden. Dabei wird ein Teil des eigenen, ursprünglichen Verständnisses der jeweiligen Wissenschaftsdisziplin beibehalten und durch eine gemeinsam entwickelte interdisziplinäre Schnittmenge von Erkenntnissen erweitert. Und eine (neue) Wissenschaftsdisziplin trägt im idealen Fall auch wieder zu einem erweiterten, transformativen Forschungsverständnis bei.

Metatheorie eines Designs als Interdisziplin
Design ist im Grundsatz eine Interdisziplin. Beispielsweise verlinkt sich das Design mit den Erkenntnissen und Methoden aus Kognitionswissenschaft und Informatik zum Interface-Design. Der generelle Fokus des Designs liegt auf der Entwicklung der artifiziellen Welt als eine Projektion vom „Hier und Jetzt“ zu einer normativ antizipierten Zukunft. Die artifizielle Welt umfasst dabei längst schon mehr als nur Produkte oder Objekte. Gestaltung übt Einfluss auf gesellschaftliche Strukturen, technische Entwicklungen, ökonomische Prozesse oder kulturelle Interventionen. Konstante ist dabei der Mensch. Er ist der grundsätzliche Bezugspunkt für Design, z.B. mit seinem Verhalten als Rezipient von Waren, mit seinem Handeln als Akteur der Arbeitswelt oder mit seinen Erwartungen an Sinn und Nutzen seiner persönlichen Umwelt. Design wirkt eng mit den Erkenntnissen und Methoden anderer Wissenschaften und Künste zusammen – es schafft so Allianzen, gemeinsame Untersuchungsfelder und Aktionsräume. Mit Theorie und Empirie, genauso mit qualitativen Methoden werden Ausschnitte der Realität analysiert und interdisziplinäre Muster – quasi als Erklärungsangebote – abgeleitet. Indem sich Design mit seinen Partnerwissenschaften intensiv vernetzt, vergrößert es den wissenschaftlichen Experimentalraum für kreativ-offene Zukunftsprojektionen im Sinne normativer Antizipation.

„Disziplinlosigkeit“ als Zukunft
Bindestrich-Studiengänge, die trotz der fachkulturellen Schwierigkeiten und trotz institutioneller Hemmnisse den Weg der Interdisziplinarität ausprobieren, sind Beispiel einer spannenden und wegweisenden „Disziplinlosigkeit“. Ein solcher ernsthafter „Crossover“ der Wissenschaften ist eine komplexe Herausforderung, keine Frage. Aber so wie sich fachdifferente Experten in der Wirtschaft „zusammenraufen“, um wettbewerbsfähige Produkte für einen kompetitiven Markt zu entwickeln, könnte doch auch im Wissenschaftsbetrieb das gemeinsame Ziel zu einer interdisziplinären Anstrengung anspornen. Die Aufnahme interdisziplinärer Studieninhalte für die Bearbeitung realer, relevanter Zukunftsaufgaben wäre jedenfalls ein erster, wichtiger Schritt in der Hochschullehre.

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