Erfahrungen mit Eye-Tracking – Modell, Medium und Motivation

 

Die Integration des Eyetrackings in das komplexe Lehrforschungsprojekt überzeugte gleich mehrfach: als Modell von praxisorientierter Marktanalyse, als Medium der Forschung und als Motivation des studentischen Selbstmanagements.

Die Integration des Eyetrackings in das komplexe Lehrforschungsprojekt überzeugte gleich mehrfach: als Modell von praxisorientierter Produktanalyse, als Medium der Forschung und als Motivation des studentischen Selbstmanagements.

Eye-Tracking und Lehrkonzept: Was zählt am Ende eines Semesters? Formal sicher die „Credits“ und die Note. Aber was sagen sie über Lernerfolge – so genannte Learning Outcomes – aus? Wohl eher wenig. Ein Lehrkonzept und seine kritische Überprüfung dagegen kann Licht ins Dunkle bringen. Im folgenden Beitrag schreibt Julian Unzner, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FH Südwestfalen, über die Lernerfolge in einem komplexen Lehrforschungsprojekt für das vierte Fachsemester im Studiengang Design- und Projektmanagement. Das Modul als Teil der Lehre von Prof. Dr. Ulrich Kern wurde mit drei studentischen Jahrgängen durchgeführt. Diese längere Zeitachse ermöglichte, das Lehrkonzept regelmäßig zu überprüfen und zu verfeinern. Besondere Aufmerksamkeit galt der Integration der Eye-Tracker-Technik in das Semesterprojekt. Der zusätzliche Aufwand erwies sich als lohnend. Die konzeptionelle Einbindung des technischen Instruments in Verbindung mit dem didaktischen Format des Forschenden Lernens und Lehrens erbrachte mehrfache Lernerfolge: Eye-Tracking wurde zum Modell von praxisorientierter Produktanalyse, zum Medium der Forschung und zur Motivation des studentischen Selbstmanagements. Hierzu der Bericht von Julian Unzner, der die Studierenden an die Eye-Tracker-Technik herangeführt und ihre Arbeiten mit betreut hatte.

Komplexe Struktur der Lehre - Voraussetzung für Projekte des Forschenden Lehrens und Lernens sind aufwändig geplante Unterrichtseinheiten mit entsprechend qualifiziertem, betreuenden Lehrpersonal

Komplexe Struktur der Lehre – Voraussetzung für Projekte des Forschenden Lehrens und Lernens sind aufwändig geplante Unterrichtseinheiten mit entsprechend qualifiziertem, betreuenden Lehrpersonal

Die Wirkung von Gestaltung aus nächster Nähe erforschen
Die Eye-Tracking-Technologie, bei der die Blickbewegungen von Rezipienten oder Rezipientinnen aufgezeichnet werden, ist prädestiniert für eine praxisorientierte Forschung. In gezielter Heranführung der Studierenden an das komplexe technische Instrument konnten in dem Projekt unterschiedlichste gestalterische Kompositionen direkt an Kunden oder Kundinnen in der Praxis untersucht werden. Mit der Eye-Tracking-Technologie lernten die Studierenden somit innerhalb eines Semesters eine praktische Methode zur Konsolidierung von Gestaltungsentwürfen kennen. Konkretes Beispiel waren die in dem Lehrforschungsprojekt untersuchten Verkaufsverpackungen. Die Studierenden erforschten die Stärken und Schwächen der Eye-Tracking-Technologie unter realen Bedingungen. Sie lernten so, Forschungsergebnisse nicht nur nachzuvollziehen, sondern diese mit Blick auf die spätere Berufspraxis auch zu bewerten. Trotz der relativ kurzen Dauer von nur einem Semester gelang es, aussagekräftige Forschungsergebnisse für die Studierenden zu generieren.

Interaktiv lernen ohne Scheu vor komplexer Technik
Die praktische Einführung in die Eye-Tracking-Systeme erfolgte in kleinen Workshops mittels einer speziell für das Lehrforschungsprojekt entwickelten Kurzanleitung, die interaktiv konzipiert war. Den Studierenden war es so möglich, die allgemeine Systembedienung im Sinne des Entdeckenden Lernens in eigener Regie zu erforschen. Dies erwies sich als sehr motivierend. Die Studierenden zeigten schon nach einer kurzen Einführung einen selbstbewussten und strukturierten Umgang mit den Probanden und Probandinnen während der Untersuchungsabläufe. Einzig die Datenaufbereitung konnte aus zeitlichen Gründen nicht von den Studierenden selbst durchgeführt werden. Die Studierenden erhielten vom Lehrpersonal die aufbereiteten Blickbewegungs- und Befragungsdaten, so dass die qualitative und quantitative Auswertung wieder bei den Teams lag.

Von Blickbewegungsdaten zur Wirkung von Verpackungsdesigns
In intensiver Auseinandersetzung mit der Untersuchungsmethode Eye-Tracking nahmen die Arbeitsgruppen eine selbständige Auswertung der erhobenen Blickbewegungsdaten vor. Mittels der Ergebnisse war es den studentischen Teams anschließend möglich, ihre eigenen Annahmen bezüglich der Wirkung der zielgruppengerechten Verpackungsdesigns auf Basis realer Untersuchungsdaten zu überprüfen. Dies half den Studierenden dabei, die Grenzen und Möglichkeiten einer zielgruppengerechten Gestaltung zu identifizieren. Zudem gelang es ihnen, die Relevanz der Aussagen in den bearbeiteten Themenbereich einzuordnen, was zur allgemeinen Professionalisierung der Designmanager/innen beitrug. Wöchentliche Arbeitsbesprechungen des erreichten Stands im Plenum vertieften das studentische Verständnis von Diskussionen in der Wissensgemeinschaft. Zugleich hielt das gegenseitige Feedback zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Erkenntnissen an. Die positive Wirkung von Selbstreflexion zeigte sich auch bei den Projekt- bzw. Forschungsdokumentationen, die abschließend zu erstellen waren.

Das didaktische Format des Forschenden Lernens und Lehrens in Verbindung mit der Eyetracking-Technologie erhöht deutlich die studentische Motivation und sorgte für nachhaltiges Lernen als Gemeinschaftserlebnis. Weitere Benefits lassen sich für die Lehrenden, die Hochschule und den Arbeitsmarkt beobachten.

Das didaktische Format des Forschenden Lernens und Lehrens in Verbindung mit der Eyetracking-Technologie erhöht deutlich die studentische Motivation und sorgte für nachhaltiges Lernen als Gemeinschaftserlebnis. Weitere Benefits lassen sich für die Lehrenden, die Hochschule und den Arbeitsmarkt beobachten.

Didaktisches Format setzt Eigeninitiative frei
Die Integration der Eye-Tracking-Technologie in die Lehre erfolgte nach dem didaktischen Format des Forschenden Lehrens und Lernens. Hierzu gehörte die studentische Mitarbeit in einzelnen Teilprojekten, die wiederum zu dem Gesamtforschungsprojekt zu synchronisieren waren. Die einzelnen Studierenden arbeiteten interdisziplinär in Kleingruppen mit je vier Teammitgliedern zusammen und koordinierten selbstständig ihre Zusammenarbeit für den Leistungsnachweis. Zugleich leisteten sie ihren Anteil am Gesamtforschungsprojekt in Teamarbeit, wie z. B. die Durchführung von Untersuchungsabläufen mit der Eye-Tracking-Technologie. Die Organisation in kleinen Arbeitsgruppen sorgte bei den Studierenden für ein ausgeprägtes projektorientiertes Lernen und förderte zugleich die Selbstorganisation der Studierenden. Ebenfalls erlebten die Studierenden die Zusammenarbeit als einen sozialen Prozess, was wiederum enorm zur Entwicklung der Sozialkompetenz und somit zur allgemeinen Handlungskompetenz beitrug.

Methode praxisorientierter Designforschung erkunden
Innerhalb von kurzen Einarbeitungszeiten war es den Studierenden so möglich, die hochkomplexe Technologie zu bedienen und autonom Untersuchungen durchzuführen. Die Einbindung der Studierenden in reale Untersuchungssituationen sowie der selbstständige Umgang mit den Probanden und Probandinnen führte zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Erhebungsmethode und verlangte den Studierenden oftmals viel Einfühlungsvermögen und Empathie im Kontext eines sozialen Lernprozesses ab. Auch die Phasen des eigentlichen Forschungsvorhabens, wie z. B. die Entwicklung eines Untersuchungsdesigns, die Akquise von Probanden oder die Durchführung von Untersuchungen, wurde von den Studierenden weitestgehend selbstständig und eigenverantwortlich vorgenommen. Durch diese intensive Einbindung in das gesamte Forschungsvorhaben war es für die Studierenden zu jedem Zeitpunkt möglich, das Vorgehen und die Intention nachzuvollziehen und zu bewerten. Sie lernten neben den fachspezifischen Kompetenzen des Designmanagements somit obendrein ein Vorgehensmodell zur strukturierten und praxisorientierten Designforschung kennen. Auch dies dürfte im Hinblick auf die Bewältigung späterer beruflicher Problemstellungen von großer Bedeutung sein.

Ertrag für die Studierenden: Selbstständiges, kompetenzorientiertes Lernen
Nach inzwischen mehreren erfolgreich umgesetzten Projekten kann die studentische Selbstständigkeit als wichtigste Stellgröße für eine ausgewogene Veranstaltungskonzeption und den hiermit verbundenen Lernerfolg für die Studierenden herausgestellt werden. Die Ausprägung der Selbstständigkeit, die genutzten Freiräume sowie die eigenverantwortlichen Aktivitäten der Studierenden sind eng mit ihrer intrinsischen Motivation verknüpft. Diese zu wecken, gelingt am besten in einer stark lernerzentrierten Lernumgebung, wie sie mit dem beschriebenen Lehrkonzept erzeugt werden konnte.

Kontextuierung in der studentischen Lebenswelt
Ein weiter wichtiger Erfolgsfaktor war die Wahl eines Themenbereichs, der sich im Kontext der studentischen Lebenswelt bewegt. Gewählt wurden berufsrelevante Problemstellungen, wie z. B. die Überprüfung und Neu-Konzeption von Verkaufsverpackungen mit Blick auf genderspezifische Verpackungsgestaltung oder das Up- und Downgrading von Produkten für den Erfolg am Point of Sale. Die meisten Studierenden konnten sich mit den ausgewählten Forschungsschwerpunkten rasch identifizieren. Dies ließ eine hochmotivierte Lernatmosphäre entstehen. Zudem lag es in der Verantwortung der studentischen Arbeitsgruppen, innerhalb des Themenbereichs weiterführende Problemstellungen abzuleiten. So wurden viele Freiräume eingeräumt, um die studentische Forschungs- bzw. Projektarbeit an individuellen Interessenschwerpunkten auszurichten. Dieses zog sicherlich eine Verstärkung des expansiven Lernens nach sich und sorgte für eine facettenreiche Wissensbasis im Gesamtforschungsprojekt.

 

Trennlinie_Seiten