Berufsfeldforschung – im toten Winkel des Designs?

 

Die Berufsmarktorientierung scheint (noch) im toten Winkel des designwissenschaftlichen Erkenntnisinteresses zu liegen. Warum es an der Zeit ist, den Fokus auf berufsmarktrelevante Fragen im Design zu legen, beschreibt dieser Beitrag.

Die Berufsmarktorientierung scheint (noch) im toten Winkel des designwissenschaftlichen Erkenntnisinteresses zu liegen. Warum es an der Zeit ist, den Fokus auf berufsmarktrelevante Fragen im Design zu legen, beschreibt dieser Beitrag.

Designwissenschaften: Die Kreativwirtschaft ist beschäftigungsintensiv. Das ist statistisch belegt. Die Kreativwirtschaft erzielt eine hohe Wertschöpfung. Auch das ist belegt. Aber wie sieht der Berufsmarkt für junge Kreative – speziell für Designer/innen – aus? Hier wird es dünn, was wissenschaftliche Erkenntnisse angeht. Grund genug, das Thema aus der Nähe zu betrachten, findet Petra Kern. Warum sich auch die Designwissenschaft dringend für die berufliche Qualifizierung ihres akademischen Nachwuchses interessieren sollte, behandelt der folgende Beitrag.

Forschungslücken …
Von zahlreichen Forschungslücken spricht der Kulturstatistiker Michael Söndermann, ein ausgewiesener Kenner der kreativen Querschnittsbranche, angesichts der „fehlenden wissenschaftlichen Infrastruktur zur Kreativwirtschaft“ (vgl. Publikation des ecce european centre for creative economy: Kreativwirtschaft – Herausforderung Zukunft, 2018: 64-65). Eine marginale Forschungslandschaft sei festzustellen. Insbesondere mangele es an wissenschaftlichen Befunden zu Schlüsselthemen wie Arbeitsmarkt und berufliche Qualifizierung für die Kreativwirtschaft.

… mit Relevanz für die designwissenschaftliche Domäne
Diese Erkenntnislücken sind umso überraschender, wenn man das Missverhältnis zwischen einer prosperierenden Branche einerseits (vgl. das Kapitel „Transformation und Innovation“ im ecce-Bericht, ebd.: 50ff) und den oft prekären Arbeitsverhältnissen des kreativen Nachwuchses andererseits bedenkt. Denn was die vorliegenden statistischen Daten belegen, sind eher kümmerliche Einkommensverhältnisse, auch von Designer/innen. Sicherlich gibt es die Gegenbeispiele einiger Top-Verdiener. Der Normalfall scheint aber die große und vermutlich sogar wachsende Schar der Kreativen zu sein, die mit geringem Einkommen und einem unsicherem Sozialstatus auf einem wettbewerbsintensiven Arbeitsmarkt ihre berufliche Existenz fristen. Die eingangs erwähnten Erkenntnislücken in puncto Berufsorientierung und -befähigung durch Bildungsangebote sind also höchst relevant für die designwissenschaftliche Domäne im Ganzen.

Employability-orientierte Studiengängen sind durch eine Korrespondenz zwischen Berufsfeld-Dynamik und curricularer Entwicklung geprägt. Motivation ist der gesellschaftlich relevante und legitime Anspruch auf eine Hochschulbildung mit beruflicher Wirksamkeit.

Employability-orientierte Studiengängen sind durch eine Korrespondenz zwischen Berufsfeld-Dynamik und curricularer Entwicklung geprägt. Motivation ist der gesellschaftlich relevante und legitime Anspruch auf eine Hochschulbildung mit beruflicher Wirksamkeit.

Wie „zeitgemäß“ sind die Berufsbilder des Studienangebots im Design?
Vor allem die Experten der Designwissenschaft an Hochschulen müssten alarmiert sein. Immerhin können Studierende allein in Deutschland aus rund 560 designspezifischen Studiengängen wählen. Diese Zahl weist der HRK-Hochschulkompass im Internet zum Stichwort Design als Studienwunsch aus; zum Stichwort Gestaltung sind es nochmals rund 340 Studiengänge. Welche Berufsbilder liegen dem Studienangebot zugrunde? Auf welchen Stand der beruflichen Praxis rekurrieren die Berufsbilder, wenn sich die Designwirtschaft – wie die Kreativwirtschaft im Ganzen – in einem atemberaubenden Tempo entwickelt? Und auf welche Kompetenzprofile zielen die Curricula von Designstudiengängen, wenn die tradierte Befähigung zum professionellen Entwerfer schon längst zu kurz greift?

Berufsfeldforschung als integraler Teil der Designwissenschaft
Zu solchen Fragen liegen bisher kaum wissenschaftliche Untersuchungen, geschweige denn fundierte Erklärungs- oder Begründungsansätze, vor. Dabei ist es dringend an der Zeit, auch in der Designwissenschaft den Fokus zu erweitern. Es gilt, Berufsfeldforschung als kontinuierliche Aufgabe zu integrieren. Wie sonst sollen belastbare Erkenntnisse generiert werden, wenn die Hochschulangebote im Design mit der beruflichen und gesellschaftlichen Entwicklung Schritt halten sollen? Gebraucht werden wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse, damit sowohl inhaltlich-curriculare, als auch methodisch-hochschuldidaktische Reformierungen ihr Ziel erreichen.

Digitalisierung als Vorbote einer transformierten Arbeitswelt im Design?
Gerade die Digitalisierung ist ein Beschleunigungsfaktor bisher nicht gekannten Ausmaßes für die berufsrelevante Entwicklung im Design. Die Konturen dieses Umbruchs sind bereits sichtbar. Schon 2014 hieß es in einem ZEIT-Artikel, das Internet stecke voller Jobs für Designer und Programmierer, sofern diese schnell und billig arbeiten (vgl. „Die ganze Welt als Konkurrenz“, in: Die Zeit, No. 47, 13.11.2014, S. 65). Wie geht die designwissenschaftliche Domäne mit einer solch’ frohen Kunde, die zugleich Hiobsbotschaft ist, um? Was bedeutet die digital transformierte Arbeitswelt für die berufliche Designpraxis, wenn sich „Crowdsourcing“ und „Cloud- sowie Clickworking“ durchsetzen? Welche Auswirkungen hat der Trend zu „digitalen Jobnomaden“? Hier wird ein berufsmarktlicher Wandel in Umrissen sichtbar, der weit in Fragen der sozialen Absicherung, des Arbeitsrechts und Urheberschutzes hineinreicht.

Alles dies sind höchst relevante Fragen für designwissenschaftliche Forschung mit interdisziplinärer Reichweite. Oder, wie der bereits zitierte Söndermann schreibt: „Kreativwirtschaft ist Wissenschaft“ (ebd.). Was für das Design aber noch zu beweisen wäre …

 

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