Digitalisierung im Design – 4 Thesen und 4 Postulate

 

Die Digitalisierung ist der zentrale Veränderungstreiber unserer Zeit. Auch Designstudiengänge an Hochschulen müssen sich dieser neuen Herausforderung stellen und sie als Chance für eine zeitgemäße Erneuerung nutzen.

Die Digitalisierung ist der zentrale Veränderungstreiber unserer Zeit. Auch Designstudiengänge an Hochschulen müssen sich dieser neuen Herausforderung stellen und sie als Chance für eine zeitgemäße Erneuerung nutzen.

Designwissenschaften: Die Digitalisierung stellt die Uhr auf Null – in jeder Branche und in jeder Disziplin. Dieses Fazit liegt nahe, wenn man die „Hildesheimer IT- und Medientage“ zum Dachthema „Digital / Analogue“ besucht hat. Die Referenten aus den verschiedensten Sektoren, von der Architektur bis zur Zeitungsbranche, berichteten, wie die digitale Transformation die Zeichen auf Neuanfang stellt. Für das Design hatten wir – Petra Kern und Ulrich Kern – die Gelegenheit, einen Einblick in das Themenfeld der Digitalisierung zu geben. Im Folgenden sind unsere Thesen und Postulate in aller Kürze nachzulesen:

Der digitale „Reset“ beginnt schon im Designstudium
In den Fokus unseres Beitrags rückten wir das Hochschulstudium im Design. Denn dort müssten nach unserer Auffassung Änderungen ihren Anfang nehmen, wenn sich ein digital geprägtes Design auf dem Berufsmarkt behaupten soll. Es reicht nicht, digitale Kompetenzen als zusätzlichen Lerninhalt aufzunehmen und sonst alles beim Alten zu belassen. Denn Design befindet sich im Zentrum von zwei großen Strömungen. Diese betreffen die Zunahme von wissensintensiven Dienstleistungen einerseits und die Digitalisierung von Wissensarbeit andererseits. Die Effekte für das Design sind doppelter Art: Der Anteil immaterieller Leistungen im Design wird größer. Gleichzeitig wächst der Anteil digitalisierbarer Leistung im Design. Die Entwicklung des Berufsfelds bewegt sich damit aus ihrer Hauptachse heraus. Die konkret-materielle Gestaltung als zentraler, tradierter Leistungsbereich verkleinert sich. Die früher nur flankierenden Bereiche immaterieller und digitalisierter Gestaltung dominieren zunehmend das Berufsfeld. Wie könnten Design-Studiengänge sich angesichts dieser Transformation reformieren? Wo sind ihre Handlungsansätze für eine Selbsterneuerung? Nach Antworten auf diese Fragen suchten wir in vier Aktionsfeldern von Hochschulen: (1) Forschung & Transfer, (2) Lehre & Studium, (3) Third Mission und (4) Leitung & Organisation.

Die Aktionsfelder von Hochschulen lassen sich in vier Bereiche unterteilen. Mit vier Thesen und vier Postulaten erläutern wir in unserem Beitrag, wie sich die Designdisziplin an Hochschulen in digital transformierten Zeiten erneuern könnte.

Die Aktionsfelder von Hochschulen lassen sich in vier Bereiche unterteilen. Mit vier Thesen und vier Postulaten erläutern wir in unserem Beitrag, wie sich die Designdisziplin an Hochschulen in digital transformierten Zeiten erneuern könnte.

Forschung & Transfer: Forschungslücken der Designwissenschaft offensiv begegnen
Unsere These zu diesem Aktionsfeld von Hochschulen lautet: „Eine permanente Forschung zur Digitalisierung sichert den Anschluss an die Entwicklung der Gesellschaft!“ Allerdings stehen Aktivitäten der Designforschung – und hier ist auch die Digitalisierung ein wichtiges Desiderat – derzeit noch auf wackligem Boden. Begründet ist dies in dem Versäumnis der noch jungen Designwissenschaft, einen elaborierten Forschungsbegriff zu entwickeln und ihn im disziplinen-übergreifenden Kontext abzusichern. Die Folgen sind gravierend: Entweder wird Designforschung als eigene Kategorie negiert, weil angeblich nicht mit dem klassischen Forschungsverständnis kompatibel, oder Designforschung wird zum Teil eines jeden Entwurfsprojektes erklärt und damit inflationär entwertet. Dabei ist Designforschung dringend erforderlich. Noch nie waren die Forschungsausgaben der Wirtschaft so hoch wie heute und noch nie war es so aufwändig, aus Forschungsinvestitionen steigende Umsätze zu generieren. Disziplinen, die ihren Erkenntnisstand konservieren und nicht dynamisch voranbringen, werden ganz schnell den Anschluss verlieren und ihre fachwissenschaftliche Relevanz für Wirtschaft und Gesellschaft einbüßen. Unser Postulat lautet daher: „Will das Design nicht als Marginalie in der Wissenschaft enden, muss es innerhalb der Hochschule seine eigene Forschung dauerhaft und nachhaltig institutionalisieren!“ Die Einrichtung von Forschungsprofessuren, gerade an Fachhochschulen, könnte eine beispielhafte Maßnahme in digital geprägten Zeiten sein.

Lehre & Studium: Anforderungen der Digitalisierung  sind zu integrieren, nicht zu addieren
Zu diesem Aktionsfeld von Hochschulen lautet unsere These: „Eine differenziert vermittelte und qualifiziert angebotene Digitalkompetenz wird Profil des Curriculums!“ Wir sagten eingangs schon: Ergänzende Digitalkompetenzen als Lehrinhalt sind keine Lösung. Die Digitalisierung betrifft Inhalte und Curricula, Methoden und Vermittler in der Lehre gleichermaßen. Eine Integration der digitalen Anforderungen in Lehre und Studium ist zu leisten. Für Designstudiengänge ist das eigentlich eine gute Nachricht. Denn die Digitalisierung erfordert vielfach das, was im Zentrum der Designlehre ohnehin steht: Kreativität in Teamkultur und komplexe Problemlösungsfähigkeit. Allerdings ist auch für diese Kompetenzen ein elaboriertes Verständnis von den Lehrzielen, den Inhalten und den didaktischen Methoden zu entwickeln. Ein Verständnis ist gemeint, das sich nicht an der einzelnen Lehrperson festmacht, sondern sich strukturell verankern und vermitteln lässt. Unser Postulat hierzu: „Ein ´modernes´ Design-Curriculum wird sein Kompetenzprofil mit Blick auf die Berufsfelder ständig aktualisieren und  erweitern, um eine multiperspektivische Berufsbefähigung zu sichern!“ Das Potenzial für die Profilbildung von Designstudiengängen wird gerade in diesem Aktionsfeld von Hochschulen evident.

Third Mission: Die Vernetzung mit Gesellschaft und Wirtschaft sollte Regel, nicht Ausnahme sein
Unsere These: „Ein offensives Konzept zur Entwicklung von Start-ups, Spin-offs und Kooperation ist Strukturwandel am Standort!“ Die Zeit, als Hochschulen eine Enklave für sich darstellten, ist schon längst vorbei. Erwartet werden heute sichtbare Beiträge, die in Gesellschaft und Wirtschaft nachhaltig hineinwirken. Beispiele hierfür gibt es bereits. Bisher sind sie aber eher Ausnahme denn Regel. Designstudiengänge bringen auch für dieses Aktionsfeld günstige Bedingungen mit. Denn gerade sie ziehen Studierende mit eigenen Ideen und hoher Eigenständigkeit an. Das Potenzial für eine intensive Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit Standort-Akteuren aus Gesellschaft und Wirtschaft ist somit groß. Unser Postulat für dieses Aktionsfeld von Hochschulen lautet daher: „Gerade an Design-Hochschulen kommen junge Menschen mit Gründungspotenzial und Gestaltungswillen. Die Hochschulen sollten pro-aktiv den Weg in die Selbstständigkeit unterstützen!“

Leitung & Organisation: Digitale Selbsterneuerung beginnt bei den internen Strukturen
Unsere These: „Ein strategischer Masterplan und ein aktives Change Management entwickeln den digitalen Fokus!“ Die Erfahrung zeigt, dass grundlegende Neuerungen nicht von selbst nachhaltige Wirkung entfalten, sondern einer institutionellen Verstetigung bedürfen. Hierfür brauchen Hochschulen wie auch Unternehmen ein Management mit strategischem Weitblick und flexibler Veränderungsbereitschaft. Das klingt ganz selbstverständlich, ist aber angesichts komplexer institutioneller Strukturen mit hohem Beharrungsvermögen eine immense Aufgabe. Und letztlich sind es die Menschen mit ihren Werten, Einstellungen und Verhaltensweisen, die die Kultur einer Organisation, deren Veränderungs- und Innovationsbereitschaft, prägen. Und auch hier hat die Designdomäne einen genuinen Vorsprung. Denn jedes Handeln im Design ist auf ein Verändern und ein Bessermachen gerichtet. Diese professionelle Handlungsethik der Disziplin könnte langfristig die digitale Selbsterneuerung an Hochschulen begünstigen. Unser abschließendes Postulat: „Auch die Managementstrukturen an Hochschulen dürfen kein Tabu sein, wenn die Entwicklung der Hochschule auf der Höhe der (digital transformierten) Zeit bleiben will!“

Zwischen professioneller Designanwendung und Hochschulbildung besteht ein enger Konnex. Die neuen Anforderungen der Digitalisierung wirken tief in alle designwissenschaftlichen Felder hinein und sind in Wissenschaft und Praxis zu vernetzen.

Zwischen professioneller Designanwendung und Hochschulbildung besteht ein enger Konnex. Die neuen Anforderungen der Digitalisierung wirken tief in alle designwissenschaftlichen Felder hinein und sind in Wissenschaft und Praxis zu vernetzen.

Optimismus? Jetzt gerade!
Auch wenn die Digitalisierung an Hochschulen und ebenso in der Designdomäne nur im Schneckentempo voran kommt, besteht in unseren Augen ein Grund zum Optimismus. Nämlich dann, wenn man die Digitalisierung als Chance begreift, Design zu einer Zukunftsdisziplin zu entwickeln. Ihre Vergangenheit, die sie der Industrialisierung verdankt, hat sie nahezu abgestreift. Das behauptete jüngst der französische Stardesigner und „enfant terrible“ seiner Zunft, Philippe Starck, in einem Interview (vgl. Zeit-Magazin Nr. 15, 15.04.2018). Der Designer und das Design werde „als Produkt des Industriezeitalters“ in rund 20 Jahren aussterben. Design sei ohnehin „eine einzige Niederlage“. Mag sein, dass bisherige Designaufgaben durch die Digitalisierung nahezu obsolet werden. Aber die Verantwortung für eine sinnvoll genutzte Kreativität und eine produktive Selbstwirksamkeit von jungen Menschen mit Gestaltungswillen wird bestehen bleiben. Design wird dafür seinen Radius erweitern und sein Selbstverständnis erneuern müssen. Wir sind zuversichtlich, dass die Selbstinnovierung der Disziplin gelingen wird.

Download Vortragsfolien „Vier Thesen und Postulate zur Digitalisierung im Studium der Designwissenschaften“

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