Denkmodelle – Werkzeug der Wissensgesellschaft

 

Soziale Phänomene sind komplex-verwickelt und nur interdisziplinär zu begreifen. Denkmodelle sind agile und anpassungsfähige Werkzeuge, um der Dynamik und Aufgabenfülle in der Wissensgesellschaft mit angemessenen Mitteln zu begegnen.

Soziale Phänomene sind komplex-verwickelt und nur interdisziplinär zu begreifen. Denkmodelle sind agile und anpassungsfähige Werkzeuge, um der Dynamik und Aufgabenfülle in der Wissensgesellschaft mit angemessenen Mitteln zu begegnen.

Designmanagement: Manche Nachrichten kommen ganz beiläufig daher – und offenbaren ihre Brisanz erst auf den zweiten Blick: Im Februar 2018 betitelte Statista eines seiner Histogramme mit „Facebook wird zum Seniorentreff“. Deutlich wurde der rapide Anstieg der User in der Altersklasse 60+ dieses sozialen Mediums, das doch eigentlich ein Teenager-Image hat. Tatsächlich ist es aber inzwischen ein Seniorenmedium. Stellten in 2016 die Älteren noch knapp die Hälfte (47 Prozent) der Nutzer dar, so waren es in 2017 bereits 70 Prozent. Hinter den sterilen Zahlen steckt eine lebendige Mathematik des demografischen Wandels. Für Gesellschaft und Wirtschaft ist „Gerontofizierung“ eine enorme Herausforderung – beginnend bei den Sozialsystemen über die öffentliche Infrastruktur bis hin zur Werbung und zur Mediennutzung. Einem solchen Paradigmenwechsel der sozialen Struktur ist kaum mehr mit inkrementellen Werkzeugen – sprich mit methodischen Schrittfolgen – zu begegnen. Nach unserer Auffassung – Petra Kern und Ulrich Kern – braucht es Denkmodelle, die feldübergreifend und weitflächig-vernetzt ansetzen, um Strukturverschiebungen zu verstehen und – vor allem – langfristig zu gestalten. Denn gerade darum geht es im Management wie auch im Designmanagement: das Gestalten von Transformationsprozessen.

Mobile „Zelte“ für flexibles Denken statt einer theoretischen „Festung“
Warum Denkmodelle? Im Unterschied zu Theorien, die oft mit dem Anspruch der generellen Welterklärung daher kommen, verstehen wir Denkmodelle als agile und anpassungsfähige Werkzeuge in der Bewältigung eines Ausschnitts komplexer Realität. Gerade die Variabilität und Flexibilität von Denkmodellen machen sie in unseren Augen zu Instrumenten, die der Dynamik und Aufgabenfülle der Wissensgesellschaft angemessen sind.  Für einen konkreten Ausschnitt komplexer Realität sind Denkmodelle so etwas wie ein Orientierungssystem für Fragen und Antworten, Erfahrung und Experiment, aktuelle Realität und Vorausschau. Sie sind eine Art mobiler „Zelte“ für flexibles Denken statt einer theoretischen „Festung“, hinter der man sich verschanzen könnte. Damit sind Denkmodelle für Probleme geeignet, bei denen Menschen die Konsequenzen ihres Tuns unter Zeit- und Erfolgsdruck zu verantworten haben – klassische Managementanforderungen.

Denkmodelle werfen ein Schlaglicht auf einen Ausschnitt sozialer Realität. Sie sind so komplex wie nötig und lassen gleichzeitig soviel Freiraum wie möglich für agiles Denken und menschzentrierte Problemlösungen.

Denkmodelle werfen ein Schlaglicht auf einen Ausschnitt sozialer Realität. Sie sind so komplex wie nötig und lassen gleichzeitig soviel Freiraum wie möglich für agiles Denken und menschzentrierte Problemlösungen.

Denkmodelle – so komplex wie nötig, so agil wie möglich
Ein Beispiel: das gesellschaftliche Phänomen der alternden Gesellschaft als Thema des Moduls Designmanagement-Projekt 1 im Studiengang dpm der FH Südwestfalen bei Prof. Dr. Ulrich Kern. Wie können Produkte entwickelt werden, die den sich strukturell wandelnden Märkten gerecht werden und den gesellschaftlichen Anspruch nach benutzerorientierten, nachhaltigen Angeboten einlösen? Die Studierenden als angehende Designmanager/innen sind somit mit einer Projektaufgabe konfrontiert, wie sie „realer“ kaum sein könnte: komplex-verwickelt und nur interdisziplinär zu begreifen. Bekannte Methoden wie z.B. Produktanpassungen als Redesign für ältere Menschen  greifen hier zu kurz – einerseits. Denn bestenfalls optimieren sie Vorhandenes, aber erkennen nicht geänderte Marktdimensionen und damit Chancen für Innovation. Und andererseits: Das soziale Phänomen der alternden Gesellschaft theoretisch mit allen seinen Implikationen zu durchdringen, bringt den Prozess der Lösungsfindung nicht adäquat, nämlich den Projektparametern angemessen, voran. Anders dagegen ein Denkmodell wie Universal Design. Es wirft ein Schlaglicht auf den Ausschnitt sozialer Realität, den der demografische Wandel erzeugt. Es bringt so viel Komplexität wie nötig in den Fokus und lässt gleichzeitig soviel Freiraum wie möglich für agiles Denken und kreative Problemlösungssuche im Team. Universal Design konditioniert die am Problemlösungsprozess Beteiligten und schafft eine intelligente Plattform für das gemeinsame „Complex Problem Solving“. Die Fähigkeit, komplexe Projekte und unscharfe Probleme mit Kreativität zu innovativen Lösungen zu führen, wird so gefördert. Und genau hierin liegt doch die zentrale Anforderung an Designmanagement.

Die Wahl einer geeigneten Vorgehensweise und passender Methoden in komplexen Projekten steht am Ende der konstruktiven Auseinandersetzung mit Denkmodellen.

Die Wahl einer geeigneten Vorgehensweise und passender Methoden in komplexen Projekten steht am Ende der konstruktiven Auseinandersetzung mit Denkmodellen.

Die Lösung des Problems liegt im Problemlöser, nicht im Problem
Der individuell-subjektive Charakter des Problemlösungsprozesses ist durchaus eine wichtige Größe. Denn auf bewährte Standards oder Routinen ist kaum mehr Verlass. Immer mehr ist das Denken und Handeln außerhalb der Komfortzone gefordert – Stichwort: Entroutinisierung. Aber das setzt voraus, dass der einzelne sich etwas zutraut: Soziale Kompetenz, vor allem Empathie für sein Gegenüber, zählt dazu. Um auf die Projektaufgabe der Produkte für die alternde Gesellschaft zurückzukommen: Wir sind überzeugt, dass jede gute Lösung in einem solchen Projekt auf Empathie beruht, d.h. die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen und seine Befindlichkeit zu erspüren. Daher schließen wir uns auch Marketingexperten an, die neben den üblichen vier P’s (Product, Price, Place, Promotion) das fünfte P für „People“ setzen. Und diese Fähigkeit der sozialen Kompetenz lässt sich entwickeln, genauso wie Kreativität und kritisches Denken. Die flexible Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Denkmodellen, wie etwa mit Emotional Design oder User Experience in dem Designmanagementprojekt, schult das Reflexionsvermögen genauso wie die professionelle Problemlösungsfähigkeit. Das stärkt letztlich die Autonomie des einzelnen Problemlösers. Und was könnte einer Wissensgesellschaft besseres passieren als selbstbewusste, aber auch selbstkritische Problemlöser in der nachwachsenden Generation?

Download Reader „Die alternde Gesellschaft und ihre Problematik für Unternehmen – Universal Design als Denkmodell und Problemlösungsansatz im Designmanagement“ _ 2018

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