Fake Science – keine Antworten ohne Fragen

 

 

"Wer ´Fake Science´ruft, ignoriert die wahren Probleme" von Thomas Beschorner. Gedanken und Anmerkungen zum Thema von Ulrich Kern.

„Wer ´Fake Science´ruft, ignoriert die wahren Probleme“ von Thomas Beschorner. Gedanken und Anmerkungen zum Thema von Ulrich Kern.

Kommentar:  Ein nachdenklich stimmender Beitrag von Prof. Dr. Thomas Beschorner zum Thema „Fake Science“ ist Anlass für diesen Kommentar. Beschorner ist Professor und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen (CH). Sein Beitrag erschien auf Zeit online am 31. Juli 2018. Dem Autor sei gedankt, dass er sich nicht davor scheut, Tabus zu benennen.

Hier noch einige Aspekte als Kommentar aus Sicht eines Fachhochschul-Professors und Vertreter der „modellierenden Wissenschaften“.

  1. Predatory Journals und Autoren:
    Es gibt dieses Angebot, weil die Nachfrage existiert, und zwar von Autoren, die sich vermutlich in einer Situation befinden, in der ein solches Angebot hilfreich ist. Genutzt wird es, weil offenbar die Reputation eines Wissenschaftlers schlicht auf die Zahl seiner Veröffentlichungen reduziert wird. Und weil dies die (qualifizierten?) Forschungsaktivitäten belegen soll. Und erst mit einem solchen Nachweis der wissenschaftlichen Qualifikation kann es dann gelingen, seinen Marktwert zu steigern und die Karriereleiter zu erklimmen. Da stellt sich doch die Frage, ob der Wissenschaftsbetrieb auf einem Auge blind ist? Gelten denn Leistungen außerhalb der Veröffentlichungs-Manege gar nicht? Sind Predatory Journals der einzige Weg, damit die eigenen Forschungserkenntnisse in einer vertretbaren Zeit zur Kenntnis genommen werden? Warum scheinen Open Access und Open Science nicht als legitime Alternative zu funktionieren? Und wenn Veröffentlichungen in den Predatory Journals wissenschaftlicher „Mumpitz“ sind, warum gibt es sie dann überhaupt?
  2. Peer Reviews und Diskursfähigkeit:
    Grundsätzlich ist gegen die Institution der „Peer Reviews“ im Sinne eines wissenschaftlichen Qualitätsmanagements nichts zu sagen. Aber wenn das Verfahren der Prüfung zum Flaschenhals wird, legt es doch im Grunde das eigene Ziel, den wissenschaftlichen Fortschritt, lahm. Dabei wäre doch angesichts der großen Herausforderungen in unserer Welt eher Beschleunigung geraten. Und möglicherweise würde ein schnelleres Verfahren auch zu einer offeneren Beurteilung der Erkenntnisse führen. Der „inhärente Konservatismus“ mancher Peer Reviews ließe sich vielleicht überwinden und dann doch Innovationen in der Wissenschaft zulassen. An dieser Stelle denke man nur an Thomas S. Kuhn und „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“. Die Beharrungskräfte und die Mechanismen der Gegenwehr durch das „Ancien Régime“ sind oft beeindruckend. Und doch sollte es möglich sein, „zündende Ideen“ aus der Wissenschaft zu gewinnen. Ich denke, dass Wissenschaftler sowohl das Potenzial als auch die Verpflichtung für neue Denkansätze haben sollten. Vielleicht hat hier die institutionelle Wissenschaft auf ihrem Weg durch den „Permafrost der akademischen Selbstverwaltung“ an gesellschaftlichen Gestaltungswillen eingebüßt.
  3. Wissenschaftssystem und seine „Währung“:
    Wenn denn derzeit die Journalpublikationen in vielen Wissenschaftsdisziplinen die einzige Währung sind, um an die „Fleischtöpfe“ (sprich: Ressourcen) der eigenen Domäne zu kommen, dann sollten wir vielleicht über die Notwendigkeit einer „Währungsreform“ nachdenken. Wenn „wichtige Aufgaben in der Wissenschaft“ nicht mehr geleistet werden, weil sie einerseits nicht als ein Muss und andererseits nicht als prestigeträchtig gelten, dann stimmt doch etwas im System nicht?! Offenbar greift hier ein internes Wertesystem der „kollegialen“ Verfasstheit von Wissenschaft, das weder zeitgemäß noch effektiv ist. (An dieser Stelle sei mir ein polemischer Unterton gestattet.) Hat sich der Wissenschaftsbetrieb zu einer Wissenschaftsindustrie mit hohem Output und sinkender Qualität gewandelt? Zählen symbolische Leistungen (die x-te Veröffentlichung in einem anerkannten Journal) mehr als das Bemühen, Neues zu wagen, auch mit dem Risiko von Fehlern und Irrtümern? Muss möglicherweise Wissenschaft respektive der Wissenschaftsbetrieb unter dem Blickwinkel der Relevanz und Evidenz neu diskutiert werden? Oder werden die, die sich kritische Anmerkungen erlauben, zu „Nestbeschmutzern“? Vielleicht wäre es gut, recht rasch über Grundsätzliches neu zu befinden, ehe es wieder heißt: „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“.

Dr. Ulrich Kern ist Jahrgang 1954 und seit 2002 als Professor tätig. Sein Verständnis von Design als „Modellierende Wissenschaft“ und als produktiven „Agent Provocateur“ hat positiv seine Lehr- und Forschungsaktivitäten beeinflusst, ihm aber auch den einen oder anderen Nasenstüber gebracht.

 

Trennlinie_Seiten