Employability – Paradox und Postulat der Wissensgesellschaft

Buchpublikation: Wenn man die Employability von Hochschulbildung anspricht, steht den meisten ein bestimmtes Bild vor Augen: berufsfertige Absolvent/innen, die den bekannten und konstanten Anforderungen der Berufswelt perfekt entsprechen. Aber so einfach ist es nicht. Denn in Employability als neuem Leitziel manifestiert sich gerade der Wandel zur Wissensgesellschaft und damit die fundamentale Bedeutung wissenschaftlicher Grundbildung in der modernen Arbeitswelt. Seit Jahren verändern sich die beruflichen Anforderungen in fast allen Bereichen erheblich. Mehr Kreativität und Innovation – übrigens für alle Qualifikationsstufen – sind gefordert bei gleichzeitiger Entroutinisierung vieler Aufgaben. Von einer verwissenschaftlichten Arbeitswelt lässt sich heute sprechen. Ist die Vorbereitung darauf – sprich die Employability von Hochschulbildung – nicht ein Widerspruch in sich? Ein Paradox? Ja, zumindest wenn man es bei dem landläufigen Verständnis von Employability belässt. Die Beherrschung klar definierter Aufgaben und die Einübung von Lösungsroutinen bereitet nur noch bedingt auf die berufliche Praxis vor. Unter den Bedingungen der Wissensgesellschaft ist ein neues Verständnis von Employability gefragt.

Hochschulbildung und Ausbildung im strukturellen Umbruch
Vorab ein Blick auf die Folgen für Bildung und Ausbildung, die mit dem Wandel zur Wissensgesellschaft verbunden sind: Festzustellen ist ein beschleunigter Anstieg der Akademikerquote. Dies ist nicht nur Ausdruck des politischen Willens, sondern vor allem Spiegel der sich wandelnden Arbeitsplatzstrukturen. Sie korrespondieren offenbar zunehmend mit den höheren Kompetenzniveaus der akademisch qualifizierten Arbeitskräfte. Akademische Abschlüsse werden immer mehr zum „Normalfall“ und verlieren die Aura der Exklusivität. Studieren wird universell und Bildung zur Lebensaufgabe. Die Grenzen zwischen akademischer Bildung und beruflicher Ausbildung verwischen dabei zunehmend. Es kommt zu einer Konvergenz. Hybride Bildungsangebote entstehen. Noch bewegen diese sich, wie die dualen Studiengänge zeigen, in einer Nische, aber ihr rasches Wachstum lässt auf große Beliebtheit bei den Studierenden und hohe Akzeptanz bei den Praxispartnern schließen. Und auch neue Formen der Beruflichkeit sind festzustellen. Die fachliche Bindung von Berufen nimmt in vielen Fällen ab, Berufe mit einer unspezifischen Wissenschaftlichkeit nehmen dagegen sukzessive zu.

Mit der Akademisierung des Arbeitsmarktes und der Verwissenschaftlichung von Arbeit verändert sich auch die Stellung der Hochschulen in der Wissensgesellschaft. Als Stätten der Wissenserzeugung verantworten sie in bildungsökonomischer Perspektive den zentralen „Produktionsfaktor“.

Employability – Begriff mit neuer Semantik
Angesichts dieses Wandels der Arbeitswelt erscheint die vermeintliche Klarheit, die der Begriff Employability im Sinne von Beschäftigungsfähigkeit oder Berufsvorbereitung suggeriert, fragwürdig. Wenn die sogenannte Praxis gerade Wissenschaftlichkeit des Handelns braucht, geht es um mehr als um Einübung bewährter Routinen und Beherrschung klar abgesteckter Anforderungen. Gefragt sind vielmehr Selbstreflexion, Kritikfähigkeit und Innovationskompetenz der Absolvent/innen. Und tatsächlich lässt sich nachweisen, dass sich die Employability-Debatte genau um diese Dimensionen im Laufe der Bologna-Debatte erweiterte. Anfänglich mit bloßer Praxisvorbereitung assoziiert und als wissenschaftsfern kritisiert, wurde Employability schließlich konzeptionell neu durchdrungen: als Erwerb von Schlüsselkompetenzen für den Umgang mit neuartigen Problemen, als wissenschaftliche Grundbildung und Innovationsbefähigung im lebenslangen Lernprozess, ebenso als subjektives Lernen im Handlungskontext für sich verkürzende Wissenszyklen. 

Die semantische Erweiterung der Employability-Forderung integrierte berufspädagogische Ansätze und führte im Bologna-Kontext zu einer anwendungsorientierten und studierendenzentrierten Hochschullehre.

Die wachsende Bedeutung der Berufspädagogik im Employability-Kontext
Nicht zufällig diffundierten wichtige berufspädagogisch geprägte Begriffe wie z.B. Kompetenz, Schlüsselqualifikation und Handlungsbefähigung in diese bildungswissenschaftliche Debatte. Hier spiegelte sich – wie in der Bologna-Reform generell – der Wechsel von einer fachwissenschaftlichen Wissensvermittlung zu einer anwendungsorientierten und studierendenzentrierten Lehre. Zugleich wurde die bildungspolitische Annäherung zwischen Hochschulbildung und Berufsbildung deutlich. Sie lässt sich als Reflex auf eine Außenwelt verstehen, in der sich beide Bereiche – Wissenschaft und Arbeitswelt – immer stärker verschränken. Es erscheint nur logisch, dass die Berufspädagogik über ihren spezifischen Schwerpunkt der beruflichen Bildung hinaus einen Bedeutungszuwachs erfährt.

Die Antworten der Hochschulen stehen noch aus
Die hier thematisierte Verschiebung in den semantischen Dimensionen der Employability von Hochschulbildung hat sich in der Wissensgesellschaft nachhaltig vollzogen. Allerdings scheinen die Hochschulen in der Breite bisher noch keine adäquaten Antworten in Form einer strukturell und didaktisch angepassten Lehre entwickelt zu haben. Von der Hochschulpolitik auf die Ebene der Fachdomänen delegiert, wird die Employability-Anforderung häufig als additives Element der Hochschulbildung behandelt. In vielen Fällen wird die Umsetzung an das Studienende platziert und in die Eigenverantwortung der Studierenden transferiert. Die genauere Analyse zeigt aber auf, dass Employability nichts weniger bedeutet als die Anforderung an die Lehrenden, ihre Fachwissenschaft neu zu durchdenken, die Lehrinhalte von den Zielen her zu strukturieren und die Lehrmethoden von der beruflichen Praxis ausgehend – was gerade Forschungsorientierung impliziert – zu konzipieren. Denn gerade die Anforderung einer wissenschaftlichen Grundbildung scheint für Hochschulabsolvent/innen um so wichtiger zu sein, je unspezifischer sich der Berufszugang für die jeweiligen Fachdomänen darstellt und je stärker sich Berufsbilder differenzieren und Schnittmengen mit anderen bilden – ein Phänomen, das gerade im Kontext der Digitalisierung zunehmend zu beobachten ist. 

Employability – eine Zukunftsfrage
Wie werden Hochschulen in Zukunft die Employability-Anforderung als Paradox auflösen und als Postulat der Wissensgesellschaft einlösen? Eine Frage, die für die zukünftige Entwicklung des tertiären Bildungssektors von erheblicher Bedeutung sein dürfte.

Der vorstehende Text greift zentrale Gedanken der Dissertation von Petra Kern auf, die jetzt als Buchpublikation im Logos-Verlag erschienen ist. Der Titel „Employability – Kriterium der Studienwahl und Profilierungsmerkmal von Hochschulen. Untersuchung am Beispiel designwissenschaftlicher Studiengänge“ kann hier bestellt werden

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