Designphilosophie – Welt retten, reich werden, Schönes schöpfen?

 

Designphilosophie - Warum tun Designer/innen, was sie tun müssen? Und was treibt jemanden an, für den das Entwerfen immer nur eine Station auf einer niemals enden Reise bedeutet? Ulrich Kern zu einer Medaille mit zwei sehr unterschiedlichen Seiten...

Designphilosophie – Warum tun Designer/innen, was sie tun müssen? Und was treibt jemanden an, für den das Entwerfen immer nur eine Station auf einer niemals enden Reise bedeutet? Ulrich Kern zu einer Medaille mit zwei sehr unterschiedlichen Seiten…

Evangelische Akademie Loccum - Gott als Creative Director?

Evangelische Akademie Loccum – Gott als Creative Director?

Tue Gutes und denke drüber nach…
Statement: „Gott als Creative Director?“ war provozierendes Thema einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum mit Prof. Dr. Ulrich Kern in 2011. In einer Zeit, in der die Gleichzeitigkeit von Events der Hochkultur und Ereignissen der Hightech-Katastrophen real ist, in der Menschen sowohl wegen Übergewicht als auch wegen Unterernährung sterben, in der Design im Discounter-Markt und in der Kunst-Galerie gehandelt wird, muss man sich fragen, wo die Ordnung im Chaos steckt. Und was treibt gerade junge Menschen dazu, in dieser scheinbar nicht zu beherrschenden Komplexität doch ihre Kreativität als Basis für einen Beruf zu wählen? Und was treibt Designer und Designerinnen an? Was hat das mit ihrem Berufsethos oder gar ihrer Designphilosophie zu tun?

Vom Traum zum Alptraum?
Die Perspektive der Professionalität für eine/n Designer/in bewegt sich zwischen den Polen des Privilegs der Schöpfungsfähigkeit und dem Prekariat von Gestaltungsnomaden. Während die einen gut bezahlt überlegen, mit welchen Produkten sie die Zukunft „beglücken“, überlegen die anderen, mit welchen zeitlich befristeten Projekten sie die Zukunft „überleben“. Vielleicht ist der Beruf des Designers aktuell der, der die Extreme der Ökonomisierung unserer Gesellschaft in sich am sichtbarsten vereinbart: vom Traum, sein Porträt auf dem Titelblatt eines Wirtschaftsmagazins zu sehen, zum Albtraum, seine Person in der Warteschlange beim Arbeitsamt plötzlich wieder zu finden.

Gesunde Portion Größenwahn
Aber was verbindet beide Typen von Gestaltern? Was treibt sie an? Und was motiviert sie, immer wieder einen Sinn in ihrer Tätigkeit zu finden? Beide verbindet das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit ihres genuin-künstlerischen Talents. Es ist die tiefe Überzeugung, dass ihr individuelles Design-Verständnis die Basis für innovative Problemlösungen ist. Designer/innen glauben, dass Kreativität die einzige Ressource ist, die immer wieder nachwächst und für die es nie eine „Marktsättigung“ geben wird. Diese Form der intrinsischen Motivation, die gegen jede Form von Routine opponiert und repetitive Tätigkeiten nicht kennt, kann man als „gesunde Portion Größenwahn“ bezeichnen. Ohne dieses persönliches Selbstbewusstsein und professionelles Selbstverständnis lässt sich keine Ordnung im Chaos ständig neu entdecken.

Designwissenschaften - der Lerneffekt der Vergangenheit und die Verantwortungsdimension für die Zukunft kumulieren in der Gegenwart, dem Moment des Machens. Hier entscheidet sich die Zukunft und ihre Qualität!

Designwissenschaften – der Lerneffekt der Vergangenheit und die Verantwortungsdimension für die Zukunft kumulieren in der Gegenwart, dem Moment des Machens. Hier entscheidet sich die Zukunft und ihre Qualität!

Ein Design, aber drei Perspektiven
Für Designer/innen wird die Freude an der Gestaltung von zwei Komponenten gebildet: da ist der Prozess (schönes Schöpfen) und das Ergebnis (Schönes schöpfen). Diese Heuristik des Suchens mit offenem Ausgang und des Findens von neuen Zugängen in der Beziehung zwischen Mensch und Artefakt machen den Reiz dieses Berufs aus. Hinzu kommt die selbstauferlegte Verpflichtung, mit dem Ergebnis des Schöpfens dem Adressaten von Design, nämlich den Menschen auf dieser Welt, einen sinnstiftenden Nutzen zu geben. Neben der praktischen Funktionalität von Geräten des täglichen Gebrauchs spielen aber auch emotionale Kriterien („Joy of Use“) und vor allem symbolische Qualitäten („adidas is all in“) eine Rolle. Immer mehr in den Vordergrund drängt sich das Sustainable Design („Welt retten“), welches das Thema der Nachhaltigkeit in der Industrie-Produktion zum Gegenstand hat. Genau an dieser Stelle wird Kreativität zum Veränderungstreiber einer neuen Wirtschaft. Das Primat der kapitalistisch geprägten Ökonomie (reich werden) wird durch das Postulat der kulturell veranlassten Ökologie (Lebensqualität erhalten) ersetzt. An diesem Punkt unserer Zivilisation kommen dann die Designer/innen ins Spiel, deren intrinsische Beweggründe mit der extrinsischen Motivation korrespondieren. Der Glaube an die Kreativität als universale Kraft wird das künftige „Bohren dicker Bretter“ erleichtern. Aufgrund der nicht mehr zu übersehenden Problematik einer Welt, in der die Rohstoffe schneller verbraucht werden, als sie nachwachsen, in der die daraus entstandenen Produkte aufwändiger entsorgt werden müssen, als sie produziert wurden, in der die „Lust“-Produkte weniger Menschen zur Last der ganzen Welt werden.

Macht des Designs vs. Ohnmacht der Designer
Wollen die Designer/innen den Sprung von der Industrie- in die Wissensgesellschaft schaffen, sollten sie die Werte ihres künstlerisch-wissenschaftlichen Tuns neu justieren. Hierzu gehört ein Diskurs über den Berufsethos und seine Entwicklung. Und der beginnt mit der Erkenntnis von der Macht des Designs und sollte nicht mit der Ohnmacht der Designer/innen angesichts der Komplexität der globalen Probleme enden. Denn nur so können sich die kreativen „Antriebskräfte“ immer wieder erneuern und auch andere anstecken – gut für das Design und gut für die Gesellschaft!

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