Produktgestaltung und Ergonomie: Vom Reparaturbetrieb der Industriegesellschaft zum Think Tank einer Wertegesellschaft

 

Ergonomic Design - Designer/innen haben schon immer die Produkte und Systeme dem Menschen versucht anzupassen. Durch die hohe Ausdifferenzierung unseres Lebens (Arbeitswelt und Beruf, privates Wohnen und öffentliche Freizeit) haben nutzen-orientierte Kriterien für Konzeption und Entwurf unterschiedliche Prioritäten und Interpretationen. Design als Gestaltungskraft ist der wichtigste (?) Impulsgeber in der Welt der Artefakte...

Ergonomic Design – Designer/innen haben schon immer die Produkte und Systeme dem Menschen versucht anzupassen. Durch die hohe Ausdifferenzierung unseres Lebens (Arbeitswelt und Beruf, privates Wohnen und öffentliche Freizeit) haben nutzen-orientierte Kriterien für Konzeption und Entwurf unterschiedliche Prioritäten und Interpretationen. Design als Gestaltungskraft ist der wichtigste (?) Impulsgeber in der Welt der Artefakte…

Von Wertschöpfungsprozessen zur Wertegesellschaft des Wissens…
Vortrag: Anhand von drei in ihrer Formulierung zugespitzten Thesen versucht Prof. Dr. Ulrich Kern sein Verständnis und seine Position zur Beziehung zwischen Design und Ergonomie darzustellen. Seine abschließende und den Vortrag zusammenfassende Synthese richtet sich an die Ausbildung von Produktgestaltern. Aus dem Vortrag an der HfG Schwäbisch Gmünd 2007.

These 1: Die Ergonomie ist bisher Reparaturbetrieb der Industriegesellschaft. Der Sprung zu einer neuen aktiven Rolle als Faktor einer Zukunftsgestaltung steht noch aus!
Die Ergonomie ist ein Spross der Industriegesellschaft, der Arbeitsteilung in einer komplex technisierten Ökonomie. In der Beziehung zwischen Mensch und Maschine optimiert und justiert sie das System mit seinen Wirkmechanismen. Ihre Blütezeit hatte die Ergonomie in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, als die „Humanisierung des Arbeitslebens“ zum Weckruf der industrialisierten Gesellschaft wurde. Als Querschnittsdisziplin mit hohem Anteil naturwissenschaftlich-technischer Ansätze erreichte die Ergonomie hohe soziale Relevanz. Mit dem Beginn der postindustriellen Ära diffundierte sie im wissenschaftlichen Kanon. Computerisierung und Globalisierung brachten neue soziale Problemlagen hervor. Die Überforderung des Menschen durch hochkomplexe Produkte verschob den Fokus von der Arbeitssituation zur Freizeit- und Konsumsphäre. Die Frage der Usability, der Gebrauchstauglichkeit, entwickelte sich zu einem modernen Stichwort der Ergonomie. Die spezifischen Beiträge des Design wurden als wichtiger Input wahrgenommen, vor allem wenn es nicht nur um die ex post-Bewertung, sondern um die ex ante-Konzeption ging.

These 2: Die Ergonomie muss sich im Wertschöpfungsprozess der Wissensgesellschaft neu definieren. Dafür braucht sie die Verankerung im Design als zweckrationale Basis für Kreativität.
Mit dem Übergang zur Wissensgesellschaft und Ideenwirtschaft erfährt Kreativität einen signifikanten Auftrieb als neuer Produktivfaktor. Design als Disziplin profitiert davon. Mit der kreativen Wertschöpfungskette wird die ökonomische Bedeutung von Design evident. Damit kann sich auch die Ergonomie neu positionieren. Sie ist zweckrationale Basis von Kreativität und wichtiger Teil der gestalterischen Problemlösungskompetenz. So ist Usability Design die ergonomische Perspektive der Produktgestaltung und von hohem Erkenntniswert, etwa bei der Differenzierung von Nutzungskonzepten und bei der Entwicklung spezifischer Angebote.

Unterschiedliche-Bedeutung-des-Usability-Designs-in-der-Produktgestaltung

 

These 3: Die Ergonomie muss zum Universal Design aufschließen und das Konzept der Nachhaltigkeit profilieren. So wird sie feste Größe in einer künftigen Wertegesellschaft.

Die globalisierte Wissensgesellschaft ist ein dynamisches, flexibles Gefüge. Sie braucht gemeinsame Werte, die Stabilität und Verbindlichkeit im sozialen Raum schaffen. Hier erwächst für die Ergonomie im Design eine wichtige Option: Die Entwicklung zum Universal Design und zum Sustainability Design als Zukunftsfaktoren einer Wertegesellschaft. Aufgaben größerer Abstraktion, Komplexität und Tragweite sind zu bearbeiten, wenn es etwa um den demografischen Wandel geht, um Konzepte gegen den sozialen Unterschied oder um Visionen für globale Zusammenarbeit. Die Ergonomie muss damit ihr inhaltlich-fachliches Spektrum ausweiten und sich als Partner im Diskurs gesellschaftlich relevanter Themen beweisen.

Synthese: Die Ausbildung muss Mittler werden zwischen heutigen Kompetenzen und neuen Aufgaben, den Routinen der Wertschöpfung und neuen Qualitäten, den Visionen einer Profession und der Entwicklung unserer Gesellschaft.
Die Produktgestalter von morgen sind nicht nur als Spezialisten (Fachwissen und Methodeninstrumentarium), sondern auch als Vordenker (Werte im ökonomischen Kontext) und als kreative Kommunikatoren auszubilden, die ihre Ideen visuell inspirierend und verbal plausibel in die Gesellschaft tragen. Diese erweiterten Kompetenzen entstehen in einem Wechselspiel von wissenschaftlicher Erklärung im deklarativen Lernen und von situativer Projektarbeit im prozeduralen Lernen. Lehre und Forschung sind dabei ein offener Prozess, der vom Grundlagenwissen bis zu Zukunftsentwürfen führen kann – bis zum Think Tank einer Wertegesellschaft.

Download Vortragsfolien „Produktgestaltung und Ergonomie:
Vom Reparaturbetrieb der Industriegesellschaft zum Think Tank einer Wertegesellschaft“ _ Ulrich Kern

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