Designtheorie – Die Wirksamkeit des Unsichtbaren

 

Designtheorie bietet wissenschaftliche Modelle für die praktische Zusammenarbeit von Design-Kompetenzen in interdisplinären Strukturen. Und: Designtheorie bietet Konzepte für die programmatische Profilierung – von Gestaltern, Organisationen und damit auch von Hochschulen.

Designtheorie bietet wissenschaftliche Modelle für die praktische Zusammenarbeit von Design-Kompetenzen in interdisplinären Strukturen. Und: Designtheorie bietet Konzepte für die programmatische Profilierung – von Gestaltern, Organisationen und damit auch von Hochschulen. Vortrag an der Bergischen Universität Wuppertal 2004.

Vom Designstudium zum Studium des Designs…
Vortrag: Vorweg die These: Designtheorie ist die unsichtbare, integrierte Seite der (sichtbaren) Designpraxis. Obwohl nicht sichtbar und greifbar, ist Designtheorie höchst wirksam. Denn sie geht den strukturellen Grundmustern nach, die der komplexen, vielgestaltigen Designpraxis zugrunde liegen. Sie wandelt die oft als amorph wahrgenommene Realität in plausible Denkmuster, ermöglicht die Auswertung von Erfahrungen der Vergangenheit und damit die Entwicklung von Planung und Visionen. Sie ist also für Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft im Design höchst relevant. Zentrale Aussagen des Vortrags „Die Wirksamkeit des Unsichtbaren – Zur Position einer integrierenden Designtheorie zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und genuiner Leistung“ von Prof. Dr. Ulrich Kern.

Kreatives Machen und strukturiertes Denken gehören zusammen
Designtheorie steht damit nicht im Gegensatz zur Praxis. Denn Praxis ist keine andere Welt. Vielmehr gehören kreatives Machen und strukturiertes Denken ganz einfach zusammen. Wer in der heutigen globalisierten und unübersichtlichen Welt im Design tätig ist, der merkt sehr schnell, dass er ohne Wissen – und das ist häufig die Kumulation von Denken und Erfahrung – nicht weiterkommt. Die Designpraxis ist so komplex-anspruchsvoll und interdisziplinär-vernetzend geworden, dass sie eine Theorie braucht. Entwerfen ist heute ein wissensintensiver Vorgang.
Im Zusammenspiel von wissenschaftlicher Erklärung (Theorie) und situativer Projektarbeit (Praxis), abgestimmt auf das persönliche Talent des Studierenden und das curriculare Konzept der jeweiligen Hochschule entwickelt sich Problemlösungskompetenz. Sie zeigt sich darin, dass Gestalter die Kompetenzen ihrer Professionalität beherrschen, die Prozesse in Organisationen kennen, mit der Konvergenz der Gestaltungsdisziplinen umgehen und in den Systemen des Marktes mit gestalten können. Problemlösungskompetenz ist die Befähigung der Theorie zum Umgang mit einer komplexen, zu dem hoch differenzierten und beschleunigten Praxis im Design.

Im Zusammenspiel von wissenschaftlicher Erklärung (Theorie) und situativer Projektarbeit (Praxis), abgestimmt auf das persönliche Talent des Studierenden und das curriculare Konzept der jeweiligen Hochschule entwickelt sich Problemlösungskompetenz.

Im Zusammenspiel von wissenschaftlicher Erklärung (Theorie) und situativer Projektarbeit (Praxis), abgestimmt auf das persönliche Talent des Studierenden und das curriculare Konzept der jeweiligen Hochschule entwickelt sich Problemlösungskompetenz.

Ästhetisch-konzeptionelle Kategorien – eine Frage der Sicht auf Design
Eine integrierende Designtheorie, wie sie hier vertreten wird, vernetzt Perspektiven. Hervorzuheben sind die Sichten von Wirtschaft, Gesellschaft und des Gestalters selbst auf Design als originäre Leistung, verstanden als Ausdruck ästhetisch-konzeptioneller Qualität.
Im Vordergrund steht natürlich in der Ausbildung das Selbstverständnis des Gestalters. Hier geht es um die Sicht auf den Schaffensprozess, das heißt auf die Produktionsästhetik im Design. Bestimmend sind die Merkmale, die das individuell-genuine Verständnis des Gestalters definieren und profilieren. Hierzu gehört etwa die Authentizität zwischen Gestaltung und Gestalter. Die prominente Modedesignerin Vivienne Westwood macht beispielsweise vor, wie Person und Leistung stets ein unverwechselbares Ganzes bilden. Die Designerin ist genau so extrovertiert, wie ihre Mode expressiv ist. Sie gestaltet nicht nur Mode für andere, sondern trägt (und lebt) diese auch selbst. Zu dem Selbstverständnis des Gestalters gehört auch die zentrale Botschaft, die sein Gestaltungskonzept auf den Punkt bringt. So formuliert die britische Top-Modedesignerin ihren Anspruch mit den Worten: „First imitate, then innovate!“ und gibt so immer wieder thematische Impulse für Diskussionen ihres Gestaltungskonzeptes. Und schließlich ist die Haltung zu Experimenten, zum bewussten Regelbruch, ein bestimmendes Merkmal des individuellen Selbstverständnisses. Auch hierfür ist Vivienne Westwood ein gutes Beispiel. Sie ist dafür berühmt, dass sie mit Konventionen bricht und bis an die Grenze der (geltenden) Geschmacklosigkeit geht. Provokation und Innovation bilden nach ihrem produktionsästhetischen Verständnis eine Einheit.
Eine weitere Sicht ist die Perspektive der Wirtschaft: Die Profilierung von Organisationen steht im Mittelpunkt. Zu verstehen sind darunter wahrnehmbare Design-Erlebnisse mit realer Wertschöpfung. Ein Beispiel ist die Bedeutung des Markenwertes für die Ermittlung von Unternehmenswerten. Der immaterielle Wert von Unternehmen wird zu einem erheblichen Teil vom Design mit bestimmt. Dies reicht vom Corporate Design bis hin zu den Schutzrechten, die auf die Designentwicklung zurückzuführen sind. Plakativ deutlich wird dies bei der Marke Coca-Cola, verkörpert durch die Flasche, den Schriftzug, die Werbung.

Designtheorie - Wer Design macht und verantwortet steht auch immer im Schnittpunkt anderer Einflußgrößen. Kein Design kommt ohne eine (künstlerische) Ästhetik aus, genauso wenig entgeht es dem Einfluss ökonomischer Parameter. Und Technik ist im Sinne der Realisierung immer bedeutsam, genauso wie die soziale Dimension für den Gebrauch und die Akzeptanz.

Designtheorie – Wer Design macht und verantwortet steht auch immer im Schnittpunkt anderer Einflußgrößen. Kein Design kommt ohne eine (künstlerische) Ästhetik aus, genauso wenig entgeht es dem Einfluss ökonomischer Parameter. Und Technik ist im Sinne der Realisierung immer bedeutsam, genauso wie die soziale Dimension für den Gebrauch und die Akzeptanz.

Und schließlich geht es um die Sicht der Gesellschaft auf Design als Teil der Lebensqualität. Hier stellt sich die Frage nach dem sinnstiftenden Nutzen von Design. Zieht man als ein Beispiel eine Ausstellung heran wie „Im Designerpark – Leben in künstlichen Welten“ (Darmstadt 2004), wird mehr als deutlich, dass Design zu einer Kulturtechnik geworden ist. Sie durchzieht das Leben des Einzelnen und alle Lebensbereiche der Gemeinschaft. Design gestaltet Lebensqualität durch Integration ästhetischer, technischer, ökonomischer und sozialer Nutzenkategorien in ihrem jeweiligen soziokulturellen Kontext.
Designtheorie als integrierende Disziplin setzt die Interessen der drei großen Anspruchsgruppen Wirtschaft, Gesellschaft und Gestalter in Beziehung zueinander und bietet Modelle zur Beurteilung von originärem Design und dessen Bedeutung im Kontext des Design-Systems.

Neues Studienmodell – neue Konzepte in Lehre und Forschung
Welche Schwerpunkte soll Designtheorie künftig in Lehre und Forschung setzen? Diese Frage lässt sich nur unter Berücksichtigung der künftigen Neustrukturierung des Studiums beantworten. Mit der Einführung des gestuften Studienmodells stehen erhebliche Veränderungen in der curricularen Struktur der Lehrpläne an.
Für das Bachelor-Studium sollte die Designtheorie ein kompaktes Angebot machen, das unter Berücksichtigung der Professionalität beispielsweise Algorithmen für operative Designprozesse vermittelt. Für das Master-Studium dagegen wäre ein Vertiefungsangebot sinnvoll, das fächerübergreifend die unterschiedlichen Kompetenzen der Gestaltungsdisziplinen in einem Projekt bündelt. Hier geht es z.B. um Wertschöpfungskonzepte für interdisziplinäre Kreativität. Während bei der Lehre vorrangig das Ziel der Grundlagenvermittlung (Deklaratives Lernen) und des Projekt-Trainings (Prozedurales Lernen) zu sehen ist, stehen bei der Forschung die Ziele Profilierungswissen und Wissensinnovationen im Vordergrund. Hierunter ist bei den Promotionsthemen etwa ein zukunftsträchtiges Gebiet wie die Profilbildung von Organisationen zu verstehen. Bei den Drittmittelprojekten dagegen könnte die Spezifik in der Entwicklung von innovativen Geschäftsmodellen für die Kreativwirtschaft liegen.

Integrieren statt Addieren – mit Designtheorie
Designtheorie bietet theoretische Modelle für die praktische Zusammenarbeit von Design-Kompetenzen und in interdisplinären Strukturen. Und weiterhin: Designtheorie bietet Konzepte für die Profilierung – von Gestaltern, Organisationen und damit auch von Hochschulen.
Schlussthese:
Zusammenarbeit im Design heißt nicht Addieren, sondern Integrieren. Und Integrieren funktioniert nicht ohne Designtheorie.

Download Vortragsfolien „Designtheorie – Die Wirksamkeit des Unsichtbaren“ _ Ulrich Kern

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