Designpädagogik – Von der Aneignung zur Anwendung, vom Programm zur Profession

 

Designpädagogik - Was muss ein "Lehrer für Design" wissen, um hinter die beeindruckende Fassade des Schönen zu schauen? Und was ist die sinnstiftende Tiefenstruktur des neuen Alltagsphänomens einer ästhetisierenden Gesellschaft?

Designpädagogik – Was muss ein „Lehrer für Design“ wissen, um hinter die beeindruckende Fassade des Schönen zu schauen? Und was ist die sinnstiftende Tiefenstruktur des neuen Alltagsphänomens einer ästhetisierenden Gesellschaft?

Relationales Strukturmodell der Beziehungen im Gestaltungsprozess

Relationales Strukturmodell der Beziehungen im Gestaltungsprozess

Gedanken zum „Lehrer für Design“ und seinem gesellschaftlichen Auftrag…
Vortrag: Design ist längst mit seiner aufmerksamkeitsstarken „Bilder-Produktion“ zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden. Inzwischen verzichtet keine der auflagenstarken Publikumszeitschriften mehr auf das Thema Design – seien es die Spitzenleistungen bei Möbeln und Autos, oder die neuen Bedienoberflächen von Betriebssystemen und das Responsive-Design von Websites. Und selbst die Discounter werben immer mehr mit „Design“-Produkten für den täglichen Bedarf – mit dem Ziel der „Bilder-Konsumption“. Das Kaufen von „Bildern“ beispielsweise durch das Konstrukt der Marken und seiner Images lässt sich nur durch die Akzeptanz einer Gesellschaft erklären, die für sich den Konsum zur Lebensform erhoben hat. Das, was die Designer/innen produzieren, wird von den Rezipienten konsumiert – anders funktioniert Marktwirtschaft auch nicht! Damit aber die Konsumgesellschaft nicht an sich selbst erstickt, braucht es das Korrektiv der Pädagogik. Damit der Konsument dem Markt und seinem Angebot tatsächlich auf „Augenhöhe“ begegnen kann, muss er dafür „ge-bildet“ werden. (Die begriffliche Nähe von Bild und Bildung ist hier nicht zufällig gewählt!) Und genau das kann nur eine entsprechende Designpädagogik leisten. Sie analysiert und re-/konstruiert modellhaft die Beziehungen zwischen Designer/in, Rezipient/in und Objekt im Gestaltungsprozess. Wie ein dementsprechendes Curriculum zu strukturieren ist, beschreibt der Vortrag von Prof. Dr. Ulrich Kern an der Universität Vechta in 2010.

„Mein Vortrag hat den Titel „Designpädagogik – Von der Aneignung zur Anwendung, vom Programm zur Profession“ und versucht, einen Bogen von der Wissenschaft zur Employability zu schlagen.

Der Vortrag ist in fünf Teile gegliedert.
Der erste Teil reißt eine aktuelle Problematik an, während der zweite Teil versucht, hierfür einen Lösungsansatz zu finden. Der dritte Teil stellt mein Y-Modell zur Designpädagogik vor. Im vierten Teil werden Schwerpunkte meiner Forschung genannt. Und im letzten Teil möchte ich zusammenfassend den Ausblick auf eine doppelte Deutungsmacht von Design geben.

Design in der medialen Rezeption - Spiegel 53/2009

Design in der medialen Rezeption – Spiegel 53/2009

Teil 1: „Design im Dilemma rezeptionsästhetischer Dysfunktionalität“
Im Zeit-Magazin von Anfang 2010 wurde ein literarisches Werk vorgestellt, das durch seine innovative Form und durch seine suggestive Bildkraft hervorstach. In Form eines Auktionskataloges wird vom Entstehen, Verlauf und Scheitern einer Liebesbeziehung erzählt. Die Pointe ist, dass die Artefakte diese Geschichte erzählen und somit zu Protagonisten eines Romans werden. Das Thema „Produktsprache“ bekommt hier eine ganz neue Dimension.
Design wird hier zur Deutungsinstanz der psychologischen Befindlichkeit moderner Menschen.
Welche Relevanz hat das für das Design?
Die analytische Betrachtung der Beziehung zwischen dem Objekt und dem Rezipienten macht die Bedeutung der Artefakte für den Menschen transparent und für Dritte nachvollziehbar. Es geht um das Professionalisieren und Generieren, Decodieren und Recodieren der Wirkungsqualität von Design.
Das hat allerdings auch seine (negativen) Konsequenzen: Kurz vor dem Erscheinen des Zeit Magazins und der Rezension des Romans erschien Ende 2009 im Spiegel eine Retrospektive auf die kulturellen Highlights der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts.
Spannend in diesem Zusammenhang ist, dass auch die Leistungen des Designs „gewürdigt“ werden. Festgemacht wird dies allerdings an den roten Sohlen der High Heels von Christian Louboutin. Als jemand, der aus professionellen Gründen die Leistungen des Designs im letzten Jahrzehnt verfolgt hat, wird für mich hier eine gestalterische Marginalie zur kulturellen Magistralen aufgewertet. Ein Missverständnis!
Es mag vielleicht feuilletonistisch ganz unterhaltsam sein, wenn die roten Sohlen von High Heels angeblich Designgeschichte schreiben. Gesellschaftlich gesehen halte ich es aber für wesentlicher, Qualitätsmaßstäbe für Design zu entwickeln, die tatsächlich relevant für die Kultur eines Zeitabschnitts sind.
Ich fasse Teil 1 zusammen:
Wir haben es hier nach meiner Einschätzung mit einer rezeptionsästhetischen Dysfunktion der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Design zu tun. Diese Störung macht das Missverhältnis zwischen der implizit wirksamen Wertsetzung durch Design und der explizit wahrnehmbaren Wertschätzung von Design deutlich. Nach meiner Auffassung ist Design schon längst in die Tiefenstruktur der kulturell-ökonomischen Realität diffundiert, wird aber auf ein flüchtiges Oberflächenphänomen reduziert.
Die Aufgabe der Designpädagogik ist, Multiplikator für ein konzeptionell-abstraktes Verständnis von Design zu sein. Es geht um kreativ-intellektuelle Problemlösungskompetenz mit sozialer Relevanz und gestalterischer Substanz.
Was es damit auf sich hat, wird im nächsten Teil erläutert.

Aneignung von kanonisiertem Theoriewissen - Alessi &Miyake

Aneignung von kanonisiertem Theoriewissen – Alessi & Miyake

Teil 2: „Verortung Designpädagogik – von der Aneignung zur Anwendung“
Im Wissenschaftskreislauf von Design nach Maser ist die Designpädagogik die Vermittlungsinstanz zwischen der Theorie und der Planung. Sie ist die Schaltstelle, an der sich theoretisches Wissen multipliziert und in kreative Planungs- und Konzeptkompetenz transferiert. Und damit greift die Designpädagogik aktiv in die Produktionsästhetik ein. Hier ist die Verbindung zur kreativ-intellektuellen Problemlösungskompetenz zu sehen.
Vermittlungskompetenz an dieser Stelle im Wissenschaftskreislauf heißt: Aneignung von kanonisiertem Theoriewissen, um neues Wissen zu erzeugen. Das Beispiel zeigt die Übertragungsmöglichkeit der Proportionslehre von einem Teekessel zu einem Parfümflakon auf. Diese Art des individuell-epistemischen Prozesses der Gestaltanalyse und Formfindung ist Voraussetzung für die Fähigkeit zum Experimentieren. Und darum geht es im nächsten Schritt.
Das Beispiel der Dyson-Staubsauger, die sowohl in der Produktsprache als auch in der Technikkonzeption den gültigen Standard komplett erneuerten, macht deutlich, dass die Anwendung experimentellen Planungswissens alles andere als zufallsgesteuert stattfindet. Die Autorität der Designpädagogik liegt gerade darin, bei den Studierenden eine Wissensbasis zu legen, die sie paradoxerweise frei macht von Wissen, die sie zu souveräner, experimenteller Gestaltung befähigt – so dass ein Sprung in andere Qualitätsdimensionen der Produktionsästhetik gelingen kann.
Ich fasse als Fazit zusammen:
Deutlich wird im zweiten Teil, dass mein Verständnis von Designpädagogik das einer Inter-Disziplin ist, die in Verbindung zwischen der Reflexionswissenschaft Pädagogik und der Handlungswissenschaft Design zu einer eigenen, neuen Qualifikation führen soll.
Mir geht es um die Integration der Qualifikationen in Vermittlung, also Rezeptionsästhetik, und Gestaltung, also Produktionsästhetik, zu einem autonomen Kompetenzprofil. Ein Profil, das nach meinem Verständnis in der sich bildenden Kultur- und Kreativwirtschaft dringend gebraucht wird:
Das hat auch damit zu tun, dass unsere Gesellschaft künftig generell auf größere kreative Potenziale angewiesen ist, um Zukunftsfragen zu beantworten. Damit müssten gestalterische Disziplinen und gerade auch die Designpädagogik eine deutliche Aufwertung erfahren. Das liegt aber auch in unserer Hand!
Damit komme ich zu dem Kernstück meines Vortrags, meinem Modell von Designpädagogik.

Y-Modell

Y-Modell einer programmatischen Designpädagogik als Wissenschaftsdisziplin

Teil 3: Vom Programm zur Profession.
Ich stehe für ein Modell von Designpädagogik, das sowohl Kompetenzen für die Kultur- und Kreativwirtschaft als auch für die schulische Lehre und wissenschaftliche Forschung vermittelt. Daher Y-Modell, da es die Spreizung in zwei große und wichtige Berufsfelder ermöglicht.
Ich stehe für ein Modell mit vier Schwerpunkten: Es geht um die Gestaltung von Prozess und Produkt, aber auch um die Vermittlung von Bedeutung und Botschaft. Genauso geht es um die Imagination von künstlerischen Bilderwelten und um die Interpretation von wissenschaftlichen Begriffssystemen.
Dabei geht es mir grundsätzlich um die Verbindung zweier Taxonomien: eine epistemische, also erkenntnisorientierte, und eine heuristische, also problemlösungsorientierte Taxonomie.
Dies möchte ich anhand von Beispielen aus meiner Lehre erläutern:
Hier in Zuordnung zu dem Schwerpunkt „Gestaltung von Prozess und Produkt“:
In dem BA-Kooperationsprojekt an der HAWK Hildesheim arbeiteten wir mit vier Lehrenden und 70 Studierenden an einem neuen Selbstverständnis einer Vermarktungsgesellschaft für regionale landwirtschaftliche Produkte.

Hi-Land

Nachhaltigkeit: Alte Werte frisch „verpackt“ – Hi-Land

Das Projekt begann mit der Analyse der Problematik von Bauern, die sich im Handel global operierenden Unternehmen gegenübersehen, und endete mit der Kommunikation mit Öffentlichkeit und Medien.
Die folgenden beiden Beispiele stammen aus dem Produktdesign und greifen die Problematik einer alternden Gesellschaft auf (Memory-Stick für die Altenpflege) und die genderspezifische Gestaltung anhand eines Bügeleisens für Männer.
Das Beispiel aus dem Bereich „Vermittlung von Bedeutung und Botschaft“ konzentriert sich auf Genderkonzepte im Zeitschriftendesign. Hier werden unterschiedliche Strategien des Mediendesign reflektiert, die traditionelle Rollenbilder in Frage stellen könnten.
Bei dem darauf folgenden Projekt an der FH Trier stand eine ungewöhnliche Semesterpräsentation im Vordergrund, nämlich die Vermittlung der Bedeutung von Exponaten, ohne diese real auszustellen. Die Studierenden entwickelten eine Methode, um verbal und medial die Botschaft der Objekte zu kommunizieren.
Zur Imagination von künstlerischen Bilderwelten möchte ich kurz die Ergebnisse aus einem MA-Seminar (HAWK Hildesheim) vorstellen, bei dem wir mit einem großen Museum in Hildesheim kooperierten. Hier ging es um Zeichen und Symbole für den Zusammenschluss von Museen, wobei sowohl eine eingehende Wissensexploration als auch gestalterischer Transfer stattfanden.
Ähnlich bei dem Thema „Souvenirs“. Auch hier wurde die Bedeutung der Erinnerungskultur erarbeitet und zugleich in kreative Konzepte umgesetzt. Das Stadtmarketing Hildesheim will sogar drei der studentischen Entwürfe realisieren.
Auch zur Interpretation von wissenschaftlichen Begriffssystemen ein kurzes Beispiel: In dieser Masterthesis der HAWK Hildesheim wurde mit Design als Erzählinstanz experimentiert und neue Strategien der Kommunikation entworfen. Die Absolventin wird dieses Thema im Rahmen eines Forschungsvorhabens an der Kunsthochschule Braunschweig fortsetzen.
Hier – als letztes Beispiel aus meiner Lehre – schließlich die Auseinandersetzung mit einer gesellschaftlich höchst relevanten Problematik: Wie gestaltet sich die Welt nach dem Ende des Erdöls? MA-Studierende machen sich mit der Komplexität des Themas vertraut und generieren darauf aufbauend mit der Methode des Design Thinking kreative Szenarien.
Ich fasse zusammen:
Mein Modell verbindet zwei Ankerpunkte der Professionalisierung: die epistemische Vermittlungskompetenz mit der heuristischen Problemlösungskompetenz. Die Studierenden sollen sowohl in der wissenschaftlichen Denkwelt als auch in der bildhaft-künstlerischen Domäne zu Hause sein.

Denn genau dies bietet ihnen die Chance, ihre berufliche Zukunft in der Kulturwirtschaft oder alternativ in der Lehre und Forschung zu entwickeln.

Entwicklung der Designforschung

Vorschlag einer Strukturierung zur Entwicklung der Designforschung

Stichwort Forschung:
Im Teil 4 geht es um meine Forschungsansätze.
Hier möchte ich zum einen meinen inhaltlichen Fokus vorstellen: Dieser liegt generell wieder in dem Spannungsfeld zwischen den Bilderwelten und den Begriffssystemen, also in der Wechselbeziehung Design-Konzept und Design-Theorie.
Ein Beispiel sind die Grenzverschiebungen zwischen Theorie und Praxis, die ich für ein lohnendes Forschungsfeld halte (Stichwort: Designinduzierte Identitätskonzepte von Menschen).
Zum anderen das Untersuchungsfeld einer Design-Rhetorik, wenn man wissenschaftliche Konstrukte und künstlerische Bildwelten konfrontiert.
Ein weiterer Ansatz wäre die Analyse originär kreativer Wertkategorien, wie sie z.B. mit dem Konstrukt des Design Thinking zu durchdringen sind.
Zum anderen sehe ich Forschen auch als methodischen Prozess: Mein Schwerpunkt ist dabei die Modellbildung, nicht in einem physischen Sinne, sondern als geistigen Prozess. Wie lässt sich ein unübersichtliches Denkfeld mit Hilfe eines Modells eingrenzen und überschaubar machen? Modelle sehe ich dabei als Wissensbeschleuniger. Ein Beispiel ist das systemische Denken in vernetzten Prozessen. Ein anderes Beispiel ist die Erkundung des fraktalen Lehrprinzips im produktionsästhetischen Prozess.
Ich fasse Teil 4 zusammen:
Es geht mir um das Erkunden der „weißen Flecken“ auf der designpädagogischen „Landkarte“. Hierfür sind eine inhaltliche Agenda und ein methodisches Instrumentarium zu entwickeln. Dies natürlich in Vernetzung mit anderen Forschungsinstitutionen.
Es geht mir aber auch darum, das Modell als Nukleus designpädagogischer Forschung zu profilieren – als Forschung, die sich sowohl in der Gestaltung als auch der Vermittlung auszeichnet.

Abschließend komme ich zum Teil 5.
Hier möchte ich das Dilemma der Dysfunktion in eine doppelte Deutungsmacht überführen.
Eingangs hatte ich Ihnen das Dilemma der rezeptionsästhetischen Dysfunktion vorgestellt.
Eine Antwort darauf kann meines Erachtens nur darin liegen, dass wir dem eine leistungsstarke Designpädagogik entgegensetzen. Leistungsstark heißt: reflexiv interpretieren und gestalterisch konzipieren. Design also auf einer Meta-Ebene stärken, nämlich mit epistemischer Relevanz und mit seinen heuristischen Nutzen-Prinzipien.
Insofern halte ich Designpädagogik für eine potenziell doppelte Deutungsmacht – zugunsten eines gesellschaftlich wertgeschätzten Designs.
Meine These quasi als Ausblick zum Abschluss:
Ich sehe Designpädagogik unter den Gesichtspunkten von Wissenschaft und Employability: Designpädagogik kann sich nachhaltig in der Hochschullandschaft positionieren. Dafür muss sie ihren innovativen Anspruch für ästhetische Rezeption und Produktion vernehmbar anmelden.
Designpädagogik kann sich zugleich dauerhaft in der Kultur- und Kreativwirtschaft etablieren. Dafür muss sie ein weitergreifendes Kompetenzprofil anbieten. Ein Profil, das auf konzeptionell denkende Gestalter/innen zielt. Denn solche Gestalter sind befähigt, Lösungen mit Relevanz und Substanz zu entwickeln. Und das braucht unsere Gesellschaft.“

Download Vortragsfolien „Designpädagogik – Von der Aneignung zur Anwendung, vom Programm zur Profession“ _ Ulrich Kern

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